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Ausgabe 02/2009

»Odessa Mama«

Wohl über keine andere Stadt wurden mehr Lieder gesungen als über Odessa. Warum das so ist, berichtet Olga Ivchanskiy, die dort seit zwei Jahren lebt und arbeitet.
Odessa Oper
Die Oper in Odessa zieht Opernliebhaber aus aller Welt an.

Sie mögen alte russische Musik?“,fragt mich mein Sitznachbar während des eineinhalbstündigen Flugs von Budapest nach Odessa, als ich ihm erzähle, dass ich die Stadt kenne und seither den großen russischen Chansonier Leonid Utjossov liebe.

Daraufhin empfiehlt mir der freundliche Mann den Radiosender „Odessa Mama“, der nur Lieder über Odessa spielt. Zurück in meiner Wohnung prüfe ich es ungläubig nach. Und tatsächlich: Mit Liedern über Odessa lässt sich ein komplettes Radioprogramm füllen! Was sagt das über eine Stadt?

Wohl, dass man sie besuchen sollte, bevor alles, was jetzt in seiner verfallenen Pracht echt und ursprünglich wirkt, poliert und kommerzialisiert sein wird.

Die Stadt an der ukrainischen Schwarzmeerküste ist eine große Unbekannte in Westeuropa. Viele meinen, hier herrsche sibirische Kälte.
Dabei liegt die Stadt nicht einmal in Russland. Vielmehr kann man an ihren Sandstränden von Mai bis Oktober in der Sonne und im Meer baden. Russisch wird hier dennoch überall und vorwiegend gesprochen. 1794 erteilte die russische Zarin Katharina den Auftrag, die Stadt in der damals Kleinrussland genannten Ukraine zu gründen. So russisch diese ukrainische Stadt auch ist, ihre Bewohner pflegen dennoch zu sagen: „In Odessa fühlt sich jeder Ausländer sofort zu Hause und jeder Russe wie ein Ausländer.“

Schmelztiegel vieler Nationen

Die deutschstämmige Katharina die Große hatte Fachleute aus ganz Europa eingeladen, die Stadt aufzubauen und zu bevölkern. Mark Twain beschrieb 1867 seine Eindrücke von Odessa: „Wir blickten die Straße hinauf, wir blickten die Straße hinunter, in diesen Weg oder jenen, wir sahen immer nur Amerika.“ Offenheit und Toleranz prägten die Stadt. Hier konnte jeder Fuß fassen, der entsprechende Fähigkeiten mitbrachte, unabhängig davon, woher er kam.

Knapp eine Million Einwohner und mehr als 110 Nationalitäten leben in der drittgrößten Stadt der Ukraine friedlich zusammen. Das einstige kosmopolitische, weltoffene Flair spürt man noch heute in den Straßen. Und das nicht nur wegen deren Namen: Da gibt es den Französischen und den Italienischen Boulevard und die Straße der Albaner, den Griechischen Platz und die Jüdische Straße. Die teuerste Einkaufsstraße der Stadt, die Deribasovskaja, erinnert an den Gründer dieser Vielvölkerstadt: den Spanier José de Ribas. Hoch über der beeindruckenden potjomkinschen Treppe, die durch den Stummfilmklassiker „Panzerkreuzer Potjomkin“ des russischen Regisseurs Sergej Eisenstein weltberühmt wurde, thront das Denkmal des Herzogs Richelieu.

Er regierte einst die Stadt und die Odessiten nennen ihn einfach „Duke“. Nicht zuletzt auch viele Deutsche trugen zum Aufbau der Stadt bei. Katharina die Große lud ihre Landsleute ein, am Aufbau der Stadt mitzuwirken. Die Hochkultur überließ sie den Österreichern: Das Architektenduo Hellmer und Fellner baute die Oper von Odessa, die an Pracht und Pomp – so jüngst ein aus Wien angereister Opernliebhaber – den Vergleich mit der Mailänder Scala oder der New Yorker Met nicht zu scheuen brauche.

Mediterranes Flair lockt

Odessa mag noch viele weitere Sehenswürdigkeiten haben. Die größte ist aber die Stadt selbst. In ihr verbindet sich die Seele des Ostens mit der Sehnsucht nach dem Süden. Akazien und Platanen spenden im heißen Sommer Schatten, während auffällig gekleidete,
hübsche Frauen auf unfassbar hohen Absätzen und in kurzen Röcken über 200 Jahre altes Kopfsteinpflaster stolzieren, vorbei an einst prachtvollen, jetzt verfallenen Häusern, in denen wie zum Hohn die teuersten und modernsten Läden ihre glänzenden Waren feilbieten. Dass Odessa nicht am Mittelmeer liegt, ist im Winter nur am Thermometer zu erkennen. Selbst im Dezember beleben Liebespaare, Rentner, Schachspieler und Flaneure Art die Straßen und Parks als wäre es gerade Frühling geworden.

Über die beste Reisezeit, wie könnte es anders sein, gibt ein Lied Auskunft. Auf „Odessa Mama“ höre ich Leonid Utjossov, der singt: „Aber jeden Frühling, da zieht es mich so sehr nach Odessa, meine sonnige Stadt am Schwarzen Meere.“

Olga Ivchanskiy,
Expertin für internationale Migration und Entwicklung, Odessa

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