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Themen dieses Kurses

 
Ausgabe 2/2009

Die blaue Verbindung Europas

Die kurze Zeit, die mir zur Verfügung steht, um den Beitrag zu schreiben, sagt mit, dass ich all meine Gedanken, die durch die zehn Länder geflossen sind, sammeln muss. Jetzt werde ich dorthin zurückkehren, wo sie geboren wurden: Drobeta Turnu Severin.

Donau Serbien
„Die Donau sammelt nicht nur Flüsse, sondern auch Geschichten.“

Die Donau verleiht der Stadt einen besonderen Glanz. Und damit übertreibe ich nicht. Keinem Touristen, der am Ufer weilt, entgeht, wie sich die funkelnden Sonnenstrahlen an der Oberfläche widerspiegeln. Ein natürlicher physikalischer Prozess, der aber nicht nur für Severin spezifisch ist. Drobeta Turnu Severin ist eine glückliche Stadt, weil die Donau durch sie fließt. Die Einwohner personifizieren die Donau in ihrem Alltag, da sie seit Jahrhunderten existiert und ihnen immer geholfen, ihr Leben erleichtert hat. Mit Nahrung, Energie und als touristischer Anziehungspunkt. Ich hatte immer Angst vor der Gewalt des Wassers, sodass ich nie in der Donau badete, wie es die meisten Einheimischen taten. Ich zog es vor, am Ufer zu sitzen, sie zu bewundern, einen Spaziergang durch die Ruinen des romanischen Kastrums zu machen. Ich sah die Donau – abhängig von meinem Alter – immer wieder mit anderen Augen an.

Als ich ein Kind war, nicht älter als sieben, war sie für mich eine Sagengestalt. Eine Prinzessin, die durch ganz Europa wanderte, auf der Suche nach ihrem Prinzen. Eine Prinzessin, die übernatürliche Kräfte bekam, weil sie in Rumänien drei Arme besaß – Chilia, Sulina und Sfantu Gheorghe – und nicht zwei wie alle anderen Prinzessinnen.
In der zweiten Phase, der späten Kindheit, war die Donau ein stiller Zeuge unzähliger historischer Ereignisse. Ich erfuhr damals, dass sie schon im Mittelalter einen guten Transportweg für die Länder aus Süd- und Mitteleuropa darstellte. Sie war wie ein Schwamm, der die Wandervölker aufgesaugt hatte.
Danach erfuhr ich von Ada Kaleh, dem rumänischen Atlantis. Wir finden den ersten dokumentarischen Nachweis über Ada Kaleh im Jahr 1430, in einem Bericht der teutonischen Ritter. Heute kann man nur noch einen kleinen Teil der Insel sehen, weil sie zu Kommunismuszeiten infolge des grandiosen Projekts „Eiserne Tore“ überschwemmt wurde. Die Gebäude auf der Insel wurden entweder niedergerissen oder am Ufer wieder aufgebaut, und die Einwohner gezwungen, auf die Simian-Insel umzuziehen. Manche von ihnen mussten ins Krankenhaus, weil sie mit den neuen Lebensbedingungen nicht klarkamen.

In der Pubertät bekam die Donau neue Bedeutungen für mich. Sie war in dieser Zeit mehr als eine einfache Lektion, die in der Schule vorgetragen wurde. Sie wurde ein Zeuge und kein Richter der Idyllen, die in der Jugendzeit entstanden. Das Gymnasium „Colegiul National Traian“, das ich besuchte, liegt unmittelbar am Donauufer. Vom Klassenfenster sah ich die Donau und einen kleinen Teil der Insel. Wie Flash-backs rollten in meinem Kopf Ereignisse aus den Jahren 105-106, mit Römern in Rüstungen und mit Schwertern, barfüßigen Frauen mit langen Röcken, die in den Händen Ton- oder Kupfergefäße trugen. Als mir Newtons und Ohms Gesetze zu langweilig wurden, ließ ich meine Gedanken wie Möwen davonfliegen. Die Konsequenzen musste ich danach selbst ziehen. Eine Drei, die nicht nur meine Mittelnote zerstörte, sondern mich als Schülerin in meiner Ehre verletzte. Es war ein Augenblick, an dem ich den Eindruck hatte, dass die Donau aus meinen Augen entspringt, gegen alle Beweise der Geografen, die meinten, sie würde im Schwarzwald entspringen. Ich fand Zuflucht am Fenster, mit dem Blick zum anderen Land – jenes der Serben. Ich hörte Stimmen der Könige Traian, Adrian und Decebal, die mit dem Schwert in der Hand dem Lehrer vorwarfen, er wäre ein Barbar. Danach, eine freundlichere Stimme, die mir sagte, dass die Donau über Berge, Täler und Hügel fließt und ich sicher auch diese Note überstehen werde. Und so war es auch.

Jeder, der an der Donau lebt oder den Strom sah, hat andere Erinnerungen als ich. Das sind meine Erinnerungen. Die Donau sammelt nicht nur Flüsse, sondern auch Geschichten. Und wird das auch viele Jahrhunderte nach uns tun. Sie ist keine Wiederherstellung der Geschichte, weil sie täglich Geschichte schreibt. Sie ist Zukunft und Perspektive zugleich.
Jetzt, in der späten Jugendzeit, betrachte ich die Donau aus einem anderen Blickwinkel. So glaube ich, dass sie uns ganz verschieden anschaut. Vom kindlichen Bächlein, das in Deutschland entspringt, bis zum erwachsenen Strom, der seinem Lauf im Schwarzen Meer ein Ende setzt. Vom historischen Strom, der im Laufe der Zeit geschichtliche Momente gesammelt hat, bis zum modernen Strom, der eine Verbindung zwischen den verschiedensten Ländern in Europa herstellt. Ein Strom, dessen Zukunft von politischen EU-Strategien bestimmt wird.

Corina Sfia, 23, Studentin
des Europäischen Journalismus
und Kommunikation in mehrsprachigen Regionen
an der Westuniversität Temeswar, Rumänien

Die Donau sammelt Geschichten
– wir veröffentlichen eine in jeder Ausgabe.

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