HUMANS in the Loop

HUMANS in the Loop

Iva Gumnishka: „Auf die Frauen ist immer Verlass” Es hängen Postkarten aus Afghanistan und Somalia an der Wand, arabische Musik läuft im Hintergrund. Es wird Kurdisch, Dari, Arabisch, Englisch und Bulgarisch gesprochen. Ein Plakat sticht in die Augen: „Die Heimat zerstört, die Familie weg, ehemalige Freunde wurden Feinde, Wochen vergehen, Jahre des Wartens, am Ende

Iva Gumnishka: „Auf die Frauen ist immer Verlass”
Es hängen Postkarten aus Afghanistan und Somalia an der Wand, arabische Musik läuft im Hintergrund. Es wird Kurdisch, Dari, Arabisch, Englisch und Bulgarisch gesprochen.
Ein Plakat sticht in die Augen: „Die Heimat zerstört, die Familie weg, ehemalige Freunde wurden Feinde, Wochen vergehen, Jahre des Wartens, am Ende wenigstens ein Unterschlupf – und der Wille, von vorne anzufangen, in einem unbekannten Land. Es braucht Courage, Flüchtling zu sein.” Daneben eine weiße Tafel auf dem das Wort „gehen” auf Bulgarisch konjugiert ist.

In einem kleinen Raum von vielleicht vier mal vier Metern sitzen acht Personen, dicht an dicht vor ihren Laptops. Ein Orchester aus Tastenanschlägen und Mausklicks. So sah es vor einem Jahr aus, als ich die kleinen Räumlichkeiten von “Humanity in the Loop” in Sofia besucht habe. “Humanity in the Loop” ist ein soziales Unternehmen, das vor allem Flüchtlinge beschäftigt, und großen Wert darauf legt, dass auch Frauen einer Tätigkeit nachgehen können. Iva Gumnishka gründete das Unternehmen 2017.

Iva, wir haben uns vor einem Jahr in Euren kleinen Räumlichkeiten, im Gebäude des Roten Kreuzes in Bulgarien, getroffen. Dort wart Ihr nur auf Zeit. Habt Ihr inzwischen was Eigenes gefunden?
Iva Gumniska: Naja, ich muss zugeben, mit den Quadratmetern sind wir nicht viel mehr gewachsen, wir verfügen jetzt über circa 30 Quadratmeter, aber es sind unsere Quadratmeter, unser Büro. Wir versuchen mit unseren Mitteln sparsam umzugehen und vor allem in die Weiterbildung der Menschen zu investieren.

Wir haben jetzt zwei Räume: Einer für die Weiterbildungskurse, die wir anbieten, wie Webdesign, Programmieren, Bildbearbeitung, allgemeine Informatikkurse oder Bulgarisch und Englisch. Die andere Hälfte ist unser – ich nenne es – Headquarter (lacht), wo wir mit drei Personen in Vollzeit und zwei in Teilzeit die Projekte managen. Wir sind in dem Bereich Verarbeitung und Korrektur von Daten für maschinelles Sehen und Objektmarkierung tätig.

Wie kamst Du auf die Idee, dieses Unternehmen zu gründen?
Ich habe Menschenrechte in den USA studiert. Diese vier Jahre, die ich in dort verbracht habe, überschnitten sich genau mit dem Zuzug von Flüchtlingen nach Europa. In meiner Diplomarbeit habe ich mich mit dem Thema Arbeitsrecht für Flüchtlinge beschäftigt – und ich wollte das in die Praxis umsetzen. Ich wollte nicht aus der Ferne zuschauen, ich wollte irgendwas machen. Ich hatte zwar die Möglichkeit, mein USA-Visum um ein Jahr zu verlängern, aber das kam für mich gar nicht in Frage. Ich wollte nach Hause und etwas im humanitären Bereich machen, etwas bewegen. An meiner Universität herrschte die Auffassung, dass wenn du nach dem Abschluss kein Geld verdienst, du im Leben versagt hast. Aber ich fühle mich auch so erfolgreich, ich habe mit dieser Firma bei Null angefangen und bis jetzt sind wir nicht pleite gegangen, was schon mal ein gutes Zeichen ist.

Wer besucht Eure Kurse und wer arbeitet an Euren Projekten mit?
Wir arbeiten mit Menschen aus Konfliktregionen, sie kommen aus Syrien, Afghanistan, Pakistan und dem Jemen. Wir haben junge Studenten, aber auch Menschen mittleren Alters, die sonst auf dem bulgarischen Arbeitsmarkt keine andere Möglichkeit hätten, wir haben Menschen mit Hochschulausbildung und ohne. Über 60 Prozent sind Frauen. Die meisten arbeiten von Zuhause und das ist gerade für die Frauen eine gute Möglichkeit, das bietet Flexibilität. Ziel ist es, dass die Flüchtlinge ihr eigenes Geld verdienen und diese Tätigkeit als Sprungbrett in die Arbeitswelt nutzen – oder sich neben dem Studium einfach was dazu verdienen.

Was macht das mit den Frauen, mit Ihrer Eingliederung in die für sie zunächst einmal fremde Gesellschaft und in die Arbeitswelt?
Auf die Frauen ist immer Verlass. Sie sind unsere „Top-Performer”, sie weisen eine höhere Motivation auf. Es ist eine Win-Win-Situation. Wir geben ihnen verantwortungsvolle Aufgaben, integrieren sie in verschiedene Projekte, und auf der anderen Seite ist das Arbeiten von Zuhause für die Frauen eine Möglichkeit Familie und Arbeit zu jonglieren und für sie ist es auch sehr wichtig, ihr eigenes Geld zu verdienen und zu den Familienfinanzen beizutragen.
In Bulgarien ist die Quote der Frauen in Beschäftigung im EU-Vergleich hoch. Vor allem im Technologiesektor arbeiten sehr viele Frauen. Im Informations-, Kommunikations- und Technologiesektor ist Bulgarien sogar führend – mit dem größten Anteil an Frauen (26,6 Prozent) in den EU-Ländern. Weit vor Deutschland, das bei 16,6 Prozent Frauenanteil liegt. Wie erklärst Du Dir das?
In Bulgarien ist es gesellschaftlich nicht so akzeptiert, wenn Frauen Zuhause bleiben und Hausfrauen sind. In den USA, wo ich gelebt habe, ist es eher akzeptiert. In Bulgarien vor 1989 waren Frauen vollwertiges Mitglied der Arbeitswelt. Es gibt diese Tradition und es gibt Vorbilder für Frauen in Technologieberufen. Außerdem herrscht die Annahme, dass die ganze Bildung umsonst gewesen wäre, wenn die Frau nur Zuhause bleiben würde. Und hinzu kommt noch die Realität: Die bulgarischen Familien sind darauf angewiesen, dass beide verdienen. In Ländern mit höherem Lohnniveau ist es vielleicht leichter, wenn einer von beiden nicht arbeiten geht – meistens sind das die Frauen.

Vor welchen administrativen Hürden standest du, als Du das Unternehmen gegründet hast?
Ich habe mir viele Gedanken gemacht, unter welcher Gesellschaftsform ich das Unternehmen registrieren soll. Wir hatten zwei Möglichkeiten: als Nichtregierungsorganisation, aber dann bist du auf fremde Finanzierung und Sponsoring angewiesen. Die andere Variante war, als reguläres Unternehmen tätig zu sein und Menschen eine Möglichkeit zu bieten, mit Ihrer Arbeit tatsächlich Geld zu verdienen. In Bulgarien gibt es keine juristische Form für ein soziales Unternehmen. Deswegen haben wir uns als Unternehmen registriert und uns soziale Prinzipien auferlegt, zum Beispiel ist eines davon, dass unser soziales Engagement unseren Geschäftszielen gleichgestellt ist.

Seit zwei Jahren führst Du schon Humanity in the Loop. Wie hast Du Dich in dieser Zeit verändert?
Ich bin weniger idealistisch geworden. Ich idealisiere den humanitären Bereich nicht mehr so wie zu Beginn. Was ich damit meine: Ein Mensch, der gerade in den humanitären Nichtregierungsbereich eintritt, kommt mit vielen Idealen und Hoffnungen, die Welt und die Lebensbedingungen der Menschen zu verändern. Wenn Du aber lange genug mit einer Gruppe von betroffenen Menschen arbeitest, wie in meinem Fall mit Flüchtlingen, dann hörst Du auf sie als Bedürftige zu sehen, sondern als Menschen mit ihren Stärken und Schwächen. Ich sehe in ihnen gleichberechtigte Arbeitnehmer, und wir fokussieren uns auf ihre Motivation, auf ihre Zukunft hier, auf ihre Entwicklung, weniger auf ihre Vergangenheit.

Wie geht es weiter mit Humanity in the Loop?
Derzeit arbeiten um die 100 Personen für uns, wir haben ein stabiles Netzwerk aufgebaut. Unser nächstes Ziel ist es, mehr Aufträge an Menschen in den Regionen und Ländern zu vergeben, aus denen sie kommen. Wir kooperieren zum Beispiel mit NGO’s in Syrien und versuchen auch dort Beschäftigung für die Menschen direkt in den Krisenregionen zu finden, sowie denen Kurse in Informationstechnologien anzubieten.

Rayna Breuer,
Journalistin, Bonn

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