Auf den Spuren des Spitzenkanuten Ivan Patzaichin im Donaudelta Das Abenteuer beginnt am 9. Juni 2024 tief im Herzen des Donaudeltas, im Osten Rumäniens. Das Donaudelta ist eines der letzten unberührten Naturparadiese Europas – noch! Mit einem Motorboot startet die Reise in Crisan. Der Weg nach Mila 23, einem abgeschiedenen Dorf, das wie eine Insel
Auf den Spuren des Spitzenkanuten Ivan Patzaichin im Donaudelta
Das Abenteuer beginnt am 9. Juni 2024 tief im Herzen des Donaudeltas, im Osten Rumäniens. Das Donaudelta ist eines der letzten unberührten Naturparadiese Europas – noch!
Mit einem Motorboot startet die Reise in Crisan. Der Weg nach Mila 23, einem abgeschiedenen Dorf, das wie eine Insel in einem Labyrinth aus Wasserwegen liegt, ist ein Erlebnis für die Sinne. Ein schmaler Kanal führt dorthin.
Der Motor verstummt, und plötzlich ist nur noch die Natur da: ein Chor aus Vogelstimmen, das sanfte Plätschern des Wassers und das Rascheln des Schilfs. Über den Reisenden spannen sich Schwärme von Kormoranen und Reihern, während Seerosen die Wasseroberfläche schmücken. 320 Vogelarten soll es hier geben. Es ist, als ob die Zeit hier eine andere Geschwindigkeit hat – sie fließt langsamer, fühlt sich intensiver an. Das Donaudelta ist eine Welt für sich, die darauf wartet, entdeckt zu werden. Langsam, sorgfältig, respektvoll.
In Mila 23 angekommen, stoßen die Reisenden auf das im Mai 2024 eröffnete Museum Ivan Patzaichin. Das Gebäude, modern und doch harmonisch in die Umgebung eingefügt, strahlt eine warme Ehrfurcht aus. Leider ist das Museum geschlossen, doch aus purem Glück kommen die Reisenden doch noch hinein. Der Bootsführer Ionut Calin spricht über den Zaun hinweg mit einem Mann, der sich als Teodor Frolu vorstellt.
Teodor Frolu, Architekt des Museums und ein guter Freund des rumänischen Kanuten Ivan Patzaichin, lässt die Besucher hinein. Er erzählt Geschichten über den Spitzenkanuten, der aus diesem kleinen Dorf stammt und die Welt mit seinen besonderen Leistungen beeindruckt hat. Ivan Patzaichin war ein Mann, der nicht nur durch seine vier olympischen Goldmedaillen und sieben Weltmeistertitel glänzte, sondern auch durch seine Bescheidenheit und seine tiefe Verbindung zur Natur. Eine Verbindung, die er gern an die kommenden Generationen weitergeben wollte – doch dafür reichte seine Zeit nicht mehr aus. Er starb am 5. September 2021 im Alter von 71 Jahren in einem Krankenhaus in Bukarest. Sein Tod hinterließ eine große Lücke, sowohl im rumänischen Sport als auch in der Gemeinschaft des Donaudeltas, für die er sich unermüdlich engagiert hatte.
Sein Vermächtnis lebt in Mila 23 weiter – nicht nur in der Erinnerung der Menschen, sondern auch in seinen sichtbaren Bestrebungen, das Donaudelta zu bewahren. Patzaichin setzte sich bis zu seinem Tod 2021 für nachhaltigen Tourismus und den Schutz dieses einzigartigen Ökosystems ein. Es war sein unmittelbares Umfeld, das Ivan Patzaichin zu dem machte, was er schließlich wurde: ein Top-Athlet im Kanusport.
„Der Ausdruck ‚Ivans Delta’ ist zu einem Konzept geworden, das darauf abzielt, diese Werte an zukünftige Generationen weiterzugeben.“
Teodor Frolu
Das Ivan-Patzaichin-Museum in Mila 23 ist weit mehr als ein Museum – es ist ein Kulturzentrum, das die Geschichte eines außergewöhnlichen Menschen und die Schönheit des Donaudeltas in Einklang bringt. Die Idee dazu entstand 2019 gemeinsam mit Ivan Patzaichin, erzählt Teodor Frolu. „Leider konnte Ivan die Eröffnung des Museums nicht mehr erleben. Er verstarb 2021, bevor das Projekt 2024 offiziell eröffnet wurde“, sagt er. Der Ausdruck „Ivans Delta“ ist zu einem Konzept geworden, das darauf abzielt, diese Werte an zukünftige Generationen weiterzugeben. Dieses Konzept kommt in dem jüngst eröffneten Museum zur Geltung.
Das Museum befindet sich auf dem Grundstück, auf dem einst Ivans Eltern lebten, nachdem ihre ursprüngliche Heimat in den 1970er-Jahren einer großen Flut zum Opfer fiel. Das Highlight des Gebäudes ist ein 18 Meter hoher Holzturm, der vollständig aus lokalem Holz gefertigt wurde – die höchste Holzstruktur in dieser Region Rumäniens. Der Turm ist nicht nur ein herausragendes architektonisches Werk, sondern auch ein Ort der Erinnerung. Auf verschiedenen Ebenen werden die wichtigsten Etappen aus Ivan Patzaichins Leben dargestellt.
Im Erdgeschoss befindet sich die „Schatzkammer“, auf Rumänisch: „Tezaurul“, der Ivans olympische und weltmeisterliche Medaillen sowie andere Errungenschaften seiner sportlichen Tätigkeit beherbergt. Die weiteren Ebenen zeigen seine Kindheit in Mila 23, seine Erfolge als Olympiasieger, seine Arbeit als Trainer der Nationalmannschaft und schließlich seine Projekte für nachhaltigen Tourismus. Im Inneren des Turms können verschiedene Bootstypen bewundert werden.
An der Spitze des Turms können Besucher innehalten, den Blick über das Delta schweifen lassen und sich Ivan nahe fühlen. Der Turm ist offen gestaltet, damit Wind und Regen hindurchströmen – eine Hommage an Ivans tiefe Verbindung zur Natur.
Neben dem Museum gibt es eine Arbeitsküche, in der lokale Gerichte für Besucher zubereitet werden, und drei Gästezimmer, die für Reisende gedacht sind. Ein digitaler Schulungsraum wurde ebenfalls eingerichtet, um die lokale Gemeinschaft zu unterstützen. Junge Menschen lernen dort, die einzigartige Schönheit des Donaudeltas in den sozialen Medien darzustellen, nicht als Konsumenten, sondern als kreative Produzenten.
Beim Rückweg nach Crisan, durch das verwobene Geflecht aus Wasser und Schilf, wird über das Leben nachgedacht – und über Menschen wie Ivan Patzaichin, die es verstanden haben, im Einklang mit der Natur zu leben. Die Lektion des Tages ist also folgende: Nachhaltig und naturnah leben bedeutet, Verantwortung für die kommenden Generationen zu übernehmen. Und das sollte, nach dem Vorbild von Ivan Patzaichin, jeder Einzelne tun.
Raluca Nelepcu,
Temeswar