Was bedeutet donauschwäbische Identität heute? In Budapest trafen sich Frauen aus dem gesamten Donauraum, um über Sprache, Erinnerung und Zukunft zu sprechen. Die erste Donauschwäbische Frauenkonferenz zeigte, wie stark Frauen bis heute Kultur, Tradition und Gemeinschaft prägen – und warum ihre Geschichten lange im Schatten standen. Was bedeutet eigentlich donauschwäbische Identität im Europa von heute?
Was bedeutet donauschwäbische Identität heute? In Budapest trafen sich Frauen aus dem gesamten Donauraum, um über Sprache, Erinnerung und Zukunft zu sprechen. Die erste Donauschwäbische Frauenkonferenz zeigte, wie stark Frauen bis heute Kultur, Tradition und Gemeinschaft prägen – und warum ihre Geschichten lange im Schatten standen.
Was bedeutet eigentlich donauschwäbische Identität im Europa von heute? Wer trägt sie weiter – und wie sichtbar sind eigentlich die Frauen, die Sprache, Tradition und Gemeinschaft oft ganz selbstverständlich prägen?
Genau diese Fragen standen im Zentrum der Donauschwäbische Frauenkonferenz 2026, die am 5. und 6. März an der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest stattfand. Unter dem Titel „WegZeichen – Donauschwäbische Frauen im modernen Europa“ kamen Frauen aus verschiedenen Ländern des Donauraums zusammen, um über Sprache, Erinnerung und Zukunft zu sprechen.
Organisiert wurde die Konferenz von der Stiftung Deutsches Institut unter der Leitung von Dr. Gabriella Sos in Ungarn gemeinsam mit dem europäischen Magazin danube connects und Veronika German, Wegzeichen.
Gefördert und finanziert wurde die Veranstaltung von der Donauschwäbische Kulturstiftung des Landes Baden-Württemberg, die seit vielen Jahren Projekte unterstützt, die Kultur, Geschichte und Identität der Donauschwaben im europäischen Kontext sichtbar machen.
Ein besonderer Dank gilt auch Christiana Pordes (Weidel) von The World of NGO, die den Antrag für diese Konferenz maßgeblich mit unterstützt hat. Als Erziehungswissenschafterin, Projektmanagerin, Journalistin und Lektorin an Universitäten und Fachhochschulen beschäftigt sie sich seit vielen Jahren mit den Themen Zivilgesellschaft und Europa, Gender, Mentoring sowie den aktuellen Herausforderungen von Migration. Ihr Engagement hat wesentlich dazu beigetragen, dass dieses Treffen von Frauen aus dem gesamten Donauraum Wirklichkeit werden konnte.
Ein Projekt aus persönlicher Geschichte
Initiiert wurde die Konferenz von Veronika German aus Budapest und Sabine Geller aus Ulm. Ihr Ziel war es, Frauen mit donauschwäbischen Wurzeln stärker miteinander zu vernetzen und ihre Rolle als Trägerinnen von Sprache, Tradition und Gemeinschaft sichtbarer zu machen.
Für Veronika German ist das Projekt zutiefst persönlich.
„WegZeichen ist mein Herzensprojekt“, sagt sie. „Es ist eine Spurensuche – und zugleich ein Aufbruch.“
Ihre Mutter war Ahnenforscherin und dokumentierte mit großer Hingabe die Geschichte der eigenen Familie. Nach ihrem Tod stellte sich für German eine entscheidende Frage: Wie kann diese Arbeit weitergeführt werden, ohne nur zurückzublicken?
Denn in vielen genealogischen Archiven finden sich zwar Familiennamen, Daten und Migrationsrouten. Doch die Stimmen der Frauen erscheinen darin oft nur am Rand.
Dabei waren sie es, die Sprache, Rituale und Alltagskultur über Generationen weitergegeben haben.
Aus dieser Beobachtung entstand zunächst eine Plattform für ungarndeutsche Frauengeschichten – und schließlich das größere Projekt „WegZeichen“, das nun Frauen aus dem gesamten Donauraum miteinander verbindet.
Und während Veronika German das Projekt „WegZeichen“ aus einer persönlichen Spurensuche heraus entwickelte, bringt Sabine Geller eine journalistische Perspektive in das Projekt ein. Sie ist Gründerin des europäischen Magazins danube connects, das sich mit Kultur, Geschichte und gesellschaftlichen Entwicklungen im Donauraum beschäftigt.
Ihre Verbindung zur Region ist dabei auch biografisch geprägt: Geller stammt selbst aus einer donauschwäbischen Familie väterlicherseits, deren Geschichte sie in einem Buch über ihre eigenen Wurzeln erzählt hat. Ein Teil ihrer Familie lebt bis heute in Ungarn – eine Verbindung, die ihre Arbeit im Donauraum bis heute prägt.
Darüber hinaus initiierte sie das Projekt Danube Women Stories, das Lebensgeschichten von Frauen aus der Region sammelt und sichtbar macht. Im Rahmen der Konferenz wurde dazu auch eine kleine Ausstellung präsentiert, die persönliche Geschichten von Migration, Erinnerung und Identität erzählerisch und visuell zugänglich machte.
Zwischen Erinnerung und Zukunft
Schon die Eröffnungs-Keynote der Minderheitenpolitikerin Olivia Schubert mit dem Titel „Mit Mut und Identität: Eine ungarndeutsche Frau an der Spitze der FUEN“ machte deutlich, dass es bei der Konferenz nicht um Nostalgie ging. Es ging um Gegenwart und Zukunft.
Diskussionsrunden wie „Unsere Mütter, unsere Großmütter – wie Identität weiterlebt“ oder Storytelling-Sessions am zweiten Konferenztag verbanden historische Erinnerung mit modernen Formen der Erzählung.
Denn Identität ist nichts Statisches.
„Die donauschwäbische Identität befindet sich im Wandel“, erklärt Sabine Geller. „Sie bewegt sich weg vom traditionellen, oft dörflich geprägten Lebensmodell hin zu einer Identität, die sich in urbanen, digitalen und internationalen Kontexten behauptet.“
Die entscheidende Frage sei deshalb nicht, ob sich Identität verändert. Sondern wie sie dabei erkennbar bleibt.
Das Trauma der Nachkriegszeit
Viele Diskussionen der Konferenz führten dabei zurück in eine Zeit, die für die donauschwäbische Gemeinschaft bis heute prägend ist: das Ende des Zweiten Weltkriegs.
Für viele Familien bedeuteten die Jahre 1944 und 1945 eine dramatische Zäsur. Vertreibung, Enteignung und Zwangsarbeit trafen hunderttausende Menschen deutscher Herkunft in Südosteuropa. Besonders Frauen mussten in dieser Zeit enorme Belastungen tragen.
Zeitzeugenberichte erzählen von Gewalt, Hunger und sexualisierten Übergriffen. Viele Männer waren im Krieg gefallen oder in Gefangenschaft. Frauen mussten Familien allein durch eine Zeit politischer und sozialer Umbrüche bringen.
Doch darüber wurde lange geschwiegen.
Die körperlichen Verletzungen heilten.
Die Erinnerungen blieben.
Sprache als Brücke zwischen Generationen
Auch nach Kriegsende hörten die Herausforderungen nicht auf. Zwischen 1946 und 1948 wurden etwa 200.000 Menschen deutscher Herkunft aus Ungarn vertrieben. Andere durften bleiben, lebten jedoch unter starkem Assimilationsdruck.
Deutsch zu sprechen konnte zum Problem werden.
Viele Familien entschieden deshalb, die Sprache nicht mehr an ihre Kinder weiterzugeben – aus Angst vor Diskriminierung.
Heute versuchen neue Generationen, diese verlorenen Fäden wieder aufzunehmen.
Initiativen wie der VUK Verein für Ungarndeutsche Kinder setzen sich für zweisprachige Erziehung ein. Kulturprojekte und Festivals stärken die Sichtbarkeit der deutschen Sprache im öffentlichen Raum.
Die Frage nach Sprache ist dabei immer auch eine Frage nach Chancen. Die Forscherin Gabriella Sos vom Deutsches Institut in Ungarn untersucht, wie weit junge Menschen mit Deutschkenntnissen im deutschsprachigen Raum kommen können. Ihre Arbeit zeigt, dass Sprache nicht nur kulturelles Erbe ist, sondern auch ein Schlüssel zu Bildung, Mobilität und internationalen Netzwerken.
Wie wichtig solche Prozesse sind, zeigt auch die Arbeit von Dr. Györgyi Vastag-German. Seit fünf Jahren organisiert sie das Kulturfestival Wunderbar Festival, das jedes Frühjahr stattfindet. Mehr als 200 Veranstaltungen – von Kindergärten über Schulen bis zu Universitäten – haben in dieser Zeit stattgefunden. Ihr Ziel ist klar: Die deutsche Sprache soll ein lebendiger Bestandteil der ungarischen Gesellschaft bleiben.
Auch Medien spielen dabei eine Rolle. Die Pirosch Radio Kulturstiftung sendet regelmäßig deutschsprachige Programme. Jeden Samstag um 16:30 Uhr gibt es Gespräche mit Kulturschaffenden – zuletzt etwa mit einer Regisseurin über ihre Arbeit im Donauraum. Die Stiftung finanziert sich selbst und versteht sich als kulturelle Brücke.
Stimmen, die die Konferenz lebendig machten
Immer wieder neue Lebendigkeit erhielt die Konferenz zudem durch die Schriftstellerin Katharina Eismann, die mit ihren leidenschaftlichen Lesungen das Programm bereicherte. Besonders ihr lautmalerisches Gedicht „Dschanga Manga“, eine poetische Hommage an die Sprachenvielfalt des Temeswar ihrer Kindheit, sorgte für viel Lachen und sichtliche Begeisterung im Publikum.
„Vielfalt ist eine Blume. Sie will gegossen, gehegt und gepflückt werden“, sagte sie einleitend – bevor sie die Zuhörerinnen mit einem Sprachmosaik aus ungarischen, rumänischen, deutschen, schwäbischen und jiddischen Klangfetzen in die klingende Welt der alten Straßenbahnen von Temeswar entführte.
Für einen Moment wurde die Konferenz so zu dem, worum es in Budapest eigentlich ging: ein lebendiger Raum, in dem Geschichte, Sprache und Erinnerung nicht nur diskutiert, sondern auch gehört, gefühlt und gemeinsam erlebt werden konnten.
Hüterinnen der Identität
Und Konferenzen wie diese zeigen, dass Frauen dabei eine zentrale Rolle spielen.
Sie sind oft diejenigen, die Geschichten bewahren, Rezepte weitergeben, Traditionen leben und Sprache an die nächste Generation vermitteln.
Eine dieser Geschichten erzählt Szandra Fuchs. Als junge Frau wollte sie Benediktinerin werden. Doch eine Ordensschwester sagte ihr damals einen Satz, der ihr Leben verändern sollte: Sie habe zu viel Energie, um hinter Klostermauern zu bleiben. Ihre Aufgabe sei es, den Menschen zu dienen – draußen, in der Welt. Heute ist Szandra Fuchs Diplomatin. Den Weg dorthin hat sie sich selbst aufgebaut, getragen von den Werten ihrer Familie. Ihr Großvater, Baron Debrezin, und ihre Großmutter, die im Alter von 86 Jahren aus Ungarn vertrieben wurde, gaben ihr ein starkes Gefühl für Herkunft und Verantwortung mit. Nach ihrer Ausbildung in Deutschland kehrte sie bewusst nach Ungarn zurück. Für sie ist klar: Wer von einer Gesellschaft profitiert, sollte auch etwas zurückgeben.
Vielleicht sind sie deshalb die eigentlichen Hüterinnen einer Identität, die entlang der Donau vor mehr als 300 Jahren begann – als Siedler mit der einfachen Holzbootform der Ulmer Schachtel nach Südosteuropa kamen.
Heute sind diese Geschichten Teil eines europäischen Gedächtnisses und Institutionen wie das Haus der Donauschwaben in München bewahren diese Erinnerungen. Unter dem Motto „Erinnern, sammeln, begegnen“ dokumentiert das Kulturzentrum die Geschichte der Donauschwaben – und zeigt gleichzeitig, wie lebendig sie noch immer ist.
Lebendig ist sie auch in kleinen, alltäglichen Dingen: in Rezepten aus den Dörfern, in Familiengeschichten oder in Kinderbüchern. Im Jakob-Bleyer-Heimatmuseum etwa entstand das Märchen „Der verwundbare Pfirsichkern“. Die Illustrationen dazu stammen von Kindern selbst – eine poetische Erinnerung daran, dass Kultur immer weitergegeben wird, wenn neue Generationen sie gestalten dürfen.
Und genau darum ging es in Budapest: nicht nur um Erinnerung, sondern um Weitergabe. Denn Identität, so wurde während der Konferenz immer wieder deutlich, ist kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte.
Sie ist ein fortlaufender Dialog zwischen Vergangenheit und Zukunft – getragen von Menschen, die bereit sind, diese Geschichten weiterzuerzählen.
Mirella Sidro


















