Mit Drachenlegenden zurück zur Natur Bosnien-Herzegowina – ein Land voller Mythen und wilder Landschaften. Wir besuchen Umoljani und Lukomir, zwei der beeindruckendsten Bergdörfer des Landes, die, eingebettet in die Dinarischen Alpen, faszinierende Geschichten und tiefe Einblicke in das traditionelle Leben bieten. Nebelschwaden ziehen über den Berg Bjelašnica, der etwa 40 Kilometer von der bosnisch-herzegowinischen Hauptstadt
Mit Drachenlegenden zurück zur Natur
Bosnien-Herzegowina – ein Land voller Mythen und wilder Landschaften. Wir besuchen Umoljani und Lukomir, zwei der beeindruckendsten Bergdörfer des Landes, die, eingebettet in die Dinarischen Alpen, faszinierende Geschichten und tiefe Einblicke in das traditionelle Leben bieten.
Nebelschwaden ziehen über den Berg Bjelašnica, der etwa 40 Kilometer von der bosnisch-herzegowinischen Hauptstadt Sarajevo entfernt liegt. Umoljani in 1333 Metern Höhe ist unser Ausgangspunkt. „Bereit, hier dem versteinerten Drachen zu begegnen?” Faruk, der Tourguide aus Sarajevo, lacht. Einer Legende nach kam ein großer Drache aus der nahegelegenen Rakitnica-Schlucht hierher, um Schafe zu reißen oder gar die Dorfbewohner zu fressen. Als die Menschen die Gefahr erkannten, begannen sie zu beten. Gott erhörte ihre Gebete und ließ den Drachen versteinern. Diese Legende spiegelt sich im Namen des Dorfes wider, der übersetzt Die Betenden bedeutet.
Und tatsächlich! Links von mir, oberhalb des Dorfes, erscheint nach einer Biegung der versteinerte Drache im Felsen! Seine natürliche Formation ist über Jahrmillionen entstanden. Links erstreckt sich der Kopf, nach rechts der Körper, der in einem langen Schweif endet.
Von hier aus führt die Wanderung etwa zehn Kilometer bis zum Dorf Lukomir durch atemberaubende und unberührte Natur. Kurz vor unserem Ziel verändert sich die Landschaft, die nun von Menschenhand gepflegt wird. Holzzäune und kleine Steinmauern säumen den Weg. Wir passieren Schafherden, die typisch für diese Gegend sind. Lukomir ist das höchstgelegene Dorf im Land. Und auch eines der ältesten. Zwei Frauen sitzen vor einem der historischen Steinhäusern mit den typischen Blechdächern oder Holzschindeln, die bis zum Boden reichen. Die eine spinnt Wolle, die andere strickt traditionelle Wollpantoffeln. Beide tragen die alte bosnische Tracht. Ich setze mich zu ihnen. Zlata, die mit ruhiger Hand Wolle spinnt, erzählt von ihrem Leben hier, das sich seit 200 Jahren kaum verändert hat.
Ihre Bewegungen wirken auf mich wie eine Meditation. Wie alt das idyllische Dorf ist, weiß niemand genau. Die heutigen Häuser sind bis zu 300 Jahre alt, aber man vermutet, dass sich die ersten Siedler im 15. Jahrhundert hier niedergelassen haben, da es hier Stećci gibt, alte bosnische mittelalterliche Grabsteine. Wahrscheinlich waren es Hirten aus dem Süden des Landes, die auf der Suche nach saftigen Weiden für ihre Tiere hierher kamen.
Noch vor einigen Jahren gab es in den Häusern weder Strom noch fließendes Wasser. Das hat sich inzwischen geändert. Auch Fernsehen und Mobiltelefone gehören nun zum Alltag. Faruk erwartet mich in der Hütte mit dem wundervollen Name ‚Na krovu svijeta’, was übersetzt Auf dem Dach der Welt bedeutet. Nermin und seine Eltern empfangen uns herzlich. Sie erzählen mir, dass sie die Ersten waren, die hier ein Haus kaufen durften, obwohl sie nicht von hier stammen. Über Jahrhunderte hinweg durften Häuser nur an Dorfbewohner verkauft werden. Er und seine Familie kommen aus Sarajevo: „Wir wollten weg von der Stadt. Die Dorfbewohner, die dem muslimischen Glauben angehören, stimmten nach dem Freitagsgebet über uns ab – zu unseren Gunsten.“ Nermin arbeitet nun die ganze Saison hier, bis der erste Schnee fällt. Dann macht er die Hütte dicht, wie die meisten Bewohner auch. Sonst läuft man Gefahr für einige Wochen oder gar Monate eingeschneit zu werden. Der Geruch führt mich zur Küche, die wie aus einem Märchen der Gebrüder Grimm stammen könnte. Nermins Mutter holt mit einem herzlichen Lachen unsere heiß dampfende Pita aus dem Ofen – Teigtaschen, gefüllt mit Feta und Spinat. Dazu gibt es frischen Salat, Joghurt und ihren selbst gemachten Bergkräutertee.
Die Sonne neigt sich dem Horizont entgegen. Noch ist es hell. Faruk führt uns zur Felsenzunge. Links geht es steil hinunter zur Schlucht des Flusses Raritnica. Sein Rauschen dringt bis zu uns herauf. Oder hören wir den Atem eines Drachen, der hier unten in einer Höhle leben soll? Er herrscht der Legende nach über das wertvolle Wasser. Behandeln die Menschen das Wasser nicht respektvoll, so soll er Dürreperioden verursachen. Auch heute noch nutzen die älteren Dorfbewohner das Wasser mit Dankbarkeit, um nicht den Zorn des Drachen zu erwecken, der über ihr kostbares Wasser wacht. Vom höchsten Punkt aus erlebt man einen atemberaubenden Sonnenuntergang. Die unendlichen Canyons glühen in einem dunklen Orange. Als wir zurückgehen, müssen wir den schmalen Pfad mit den Taschenlampen unserer Smartphones ausleuchten, um nicht abzurutschen. Danach geht es zu den mittelalterlichen Grabsteinen. Es ist bereits kalt auf 1.455 Metern Höhe. Die helle Farbe des natürlichen Steins leuchtet in der Dunkelheit. Es ist still geworden im Dorf, das nun im Dornröschenschlaf liegt. Auch die Sterne leuchten hier stärker. Mars, Jupiter und Saturn gesellen sich hinzu, und dann, so klar, dass es mich erschreckt, erscheint die Milchstraße. Sie scheint zu tanzen. Ich lehne mich an die alten Grabsteine, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Zeit und Raum existieren nicht mehr. Ich scheine mit dem mit dem Universum verbunden zu sein!
Lukomir ist eine Kombination aus zwei Wörtern – Luka Mira, was übersetzt „Hafen des Friedensˮ heißt. So fühle ich mich auch, als ich mich ins Bett lege. Die Hütte von Nermin vermietet auch Zimmer. Am Morgen weckt mich der Duft aus der Küche. Nermins Mama hat uns ein deftiges Frühstück zubereitet: salzige Ausgezogene, die mit selbst gemachtem Schmand serviert werden.
Gestärkt treten wir den Rückweg nach Umoljani an. Wir laufen nun der Rakitnica-Schlucht entlang. Und das hat einen Grund. Kurz bevor wir das Dorf erreichen, erstreckt sich vor einem eine Hochebene mit einem faszinierend windenden Wasserlauf. „Der Studeni Potok’( übers. Eisiger Bach) entstand der Legende nach durch den Schweif des bösen Drachen, als er zum Dorf flog”, erklärt Faruk, während wir zum Ufer laufen, um dort unser Picknick einzunehmen.
Bosnien-Herzegowina ist ein Land voller Magie und Ursprünglichkeit. Während die Legende von Umoljani Mut und Glauben symbolisiert, offenbart die von Lukomir eine tiefe Verbundenheit der Vorfahren mit der Natur und den Glauben an das Mystische und Übernatürliche. Hier zeigt sich eindrucksvoll, wie eng Natur, Geschichte und Legenden miteinander verwoben sind – und wie wichtig es ist, den Kontakt zur Natur nie zu verlieren.
Mirella Sidro,
Sarajevo