Von der Drau an die Donau – Teil 2 Life Restore for MDD

Von der Drau an die Donau – Teil 2 Life Restore for MDD

Am dritten und vierten Tag der WWF-Pressereise führt die Reise von einem wieder geöffneten Seitenarm der Drau über die Auen von Kopački Rit in Kroatien bis zum Dreiländereck bei Batina und zum Altarm von Báta in Ungarn. Überall begegnet uns dieselbe Frage: Was wird aus einer Flusslandschaft, wenn ihr das Wasser ausgeht? Der Spätsommer 2026

Am dritten und vierten Tag der WWF-Pressereise führt die Reise von einem wieder geöffneten Seitenarm der Drau über die Auen von Kopački Rit in Kroatien bis zum Dreiländereck bei Batina und zum Altarm von Báta in Ungarn. Überall begegnet uns dieselbe Frage: Was wird aus einer Flusslandschaft, wenn ihr das Wasser ausgeht?

Der Spätsommer 2026 ist der dritte trockene in Folge. Die Pegel an Drau und Donau gehören zu den vier niedrigsten seit Beginn der Messungen. Jasmin Sadiković ist an der Drau aufgewachsen. Eine solche Trockenheit, sagt er, habe er in seinen 52 Jahren noch nicht erlebt.
Der Mangel hat nicht nur mit dem Klima zu tun. Flussaufwärts, in Österreich und Slowenien, halten Wasserkraftwerke Wasser und Geschiebe zurück. Unten in Kroatien und Ungarn fehlt beides: Die Flüsse graben sich tiefer ein, das Grundwasser sinkt, die Auwälder trocknen aus. Genau hier setzt das EU-Projekt LIFE RESTORE for MDD an, das zwischen 2023 und 2028 an 29 Standorten in fünf Ländern Flussauen wiederherstellt.

Station 6: Novačka – ein Seitenarm bekommt sein Wasser zurück
Mittwoch, 16. September, 8.30 Uhr. Nach dem Frühstück in Legrad bringt uns der Bus nach Novačka, einem Dorf in der Gemeinde Gola im Kreis Koprivnica-Križevci. Hier, bei Flusskilometer 214 bis 217, liegt einer von sieben Renaturierungsstandorten des Projekts DRAVA LIFE. Kroatische Gewässerverwaltung (Hrvatske vode), WWF Österreich und die Naturschutzorganisation Green Osijek haben es gemeinsam getragen. Es begann im Dezember 2015 und lief, nach einer Verlängerung, bis November 2024.
Die Idee ist einfach: Ein alter Seitenarm am linken Ufer, rund 1,2 Kilometer lang, war an seiner Einmündung verlandet. Bagger haben etwa 100 Meter Sediment ausgehoben, seither strömt die Drau wieder hinein. Gegenüber, am rechten Ufer bei Gabajeva Greda, wurde ein sog. neuer „Initialkanal“ geöffnet: knapp 1.200 Meter lang, bis zu 27 Meter breit. Den Rest erledigt der Fluss selbst. Mit jedem Hochwasser soll sich der Kanal in eine natürlich gewundene Form legen.
Dynamische Flüsse haben Kurven, Mäander genannt. An ihnen entstehen Sand- und Kiesbänke und Steilufer, die Lebensraum für bedrohte Arten wie die Zwergseeschwalbe oder die fast ausgestorbene Deutsche Tamariske bieten. Zugleich bekommt der Fluss mehr Raum. Das entlastet die Dämme und Dörfer flussabwärts, ohne dass Deiche erhöht werden müssen.
Vor Ort erklären Maja Mlinarić Bajsić und Tomislav Šlehta von Hrvatske vode, wie Wasserbau und Naturschutz hier zusammenarbeiten. Eine Lehre aus Jahren des Widerstands gegen neue Staustufen an der Drau: Ein Wasserkraftwerk zu stoppen ist schwer. Man kann es aber unattraktiv machen. Seit die Drau Teil des Natura-2000-Netzes ist, rechnet sich ein Kraftwerk dort finanziell kaum noch. Und wer gegen ein Kraftwerk antritt, sollte immer eine lohnende Alternative auf den Tisch legen.

Station 7: Mit dem Boot zum Zusammenfluss – der Altarm Bjelobrdska
Auf diesen Nachmittag haben wir uns von Anfang an gefreut. Nach Tagen an Land sind wir endlich auf dem Wasser unterwegs. In Osijek steigen wir aufs Boot, die Sonne scheint, und die Drau trägt uns Richtung Donau. Die Fahrt ist unglaublich schön.
Vertreter von Green Osijek, Hrvatske vode und der Agrarbiotechnischen Fakultät Osijek erzählen unterwegs, was am Ufer geschieht.
Am rechten Ufer, kurz vor dem Zusammenfluss, liegt der Altarm Bjelobrdska. Er ist der Rest einer Drau-Schleife, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts abgeschnitten wurde, als man 1805 und 1807 ein neues, gerades Flussbett aushob. Heute gehört er zum Regionalpark Mur-Drau, zu zwei Natura-2000-Gebieten und zum Biosphärenreservat.
Der Zustand ist kritisch. Bei Dürre fällt bis zu 40 Prozent des Altarms trocken, im Rest steht das Wasser nur 20 bis 40 Zentimeter hoch. Der See ist überdüngt, Pflanzen wuchern, der Sauerstoff wird knapp, es gab Fischsterben.
Mit 3,2 Millionen Euro soll sich das bis September 2027 ändern. Rund 200.000 Kubikmeter Sediment werden ausgebaggert und an anderer Stelle wieder eingesetzt. Die Sperre zum Kanal Malo Renovo wird geöffnet, damit Wasser von der Drau über 5,5 Kilometer Altarm und zehn Kilometer durch den Aljmaški Rit wieder Richtung Donau fließen kann. Profitieren sollen 193 Hektar Auwald.
Wie viel Leben hier noch steckt, zeigt die Bestandsaufnahme der Fakultät: 128 Gefäßpflanzenarten, 60 Vogelarten, rund 16 Prozent aller in Kroatien, darunter fünf Spechtarten, außerdem Fischotter und Biber, Sumpfschildkröte, Rothirsch und Goldschakal.
Dann öffnet sich der Blick. Die Drau mündet in die Donau, und plötzlich ist alles weit und breit. Wir spüren die Energie dieses Stroms, eine uralte Energie. Seit Menschengedenken verbindet die Donau Völker, Kulturen und Bräuche. Umso trauriger ist es zu sehen, wie sehr sie sich durch menschliche Eingriffe verändert hat, am Ende zum Schaden der Menschen selbst.

Kopački Rit: Wenn der Rit dich ruft
Die Nacht verbringen wir im Öko-Zentrum Zlatna Greda, mitten im Naturpark Kopački Rit. Das Feuchtgebiet zwischen Drau und Donau umfasst rund 23.000 Hektar und zählt zu den am besten erhaltenen Flussauen Europas. Fast 300 Vogelarten wurden hier gezählt, etwa 80 Prozent aller in Kroatien nachgewiesenen. Normalerweise schwankt der Wasserstand im Jahr um fünf bis sieben Meter. In diesem Spätsommer sehen wir vor allem trockenen Boden.
Zlatna Greda ist eine wunderbare Unterkunft, mitten in der Natur. Sobald es dunkel wird, hören wir das Röhren der Hirsche und das Heulen der Wölfe. Und dann dieser Sternenhimmel. Den vergisst man nicht.
Einer der Ranger fasst sein Verhältnis zu dieser Landschaft in einen Satz: „Du gehst in den Rit, wenn er dich ruft, und nach Hause, wenn er dich lässt.“
Jasmin Sadiković leitet Green Osijek und koordiniert LIFE RESTORE for MDD in Kroatien. Seit mehr als 25 Jahren arbeitet der Ökologe im Biosphärenreservat. „Ich fühle mich wie ein Kind bei Peter Pan“, sagt er. „Ich lebe meinen Kindheitstraum.“
Green Osijek will die Menschen näher an die Natur bringen. Die Organisation arbeitet dazu auch mit Jägern und Fischern zusammen, nicht gegen sie. Mit Schulen entwickelt sie Spiele und Aktivitäten, in denen Kinder über die Zukunft und den Schutz der Natur nachdenken. Projektmanagerin Nikolina Stjepanović betreut diese Umweltbildung. Das Programm wird in allen fünf Ländern des Biosphärenreservats geteilt.

 

 

 

 

 

Batina: Wo die Donau wieder verbindet
Donnerstag, 17. September. Vom Siegesdenkmal über Batina blickt man auf das Dreiländereck: Kroatien, gegenüber Serbien, nicht weit entfernt Ungarn. Auch die Donau liegt sehr tief.
Der Ort hat eine schwere Geschichte. Im November 1944 kämpften hier Rote Armee und jugoslawische Partisanen gegen die deutsche Wehrmacht. Die Donau, erzählt man, sei rot gewesen. Während der Kriege der 1990er-Jahre gingen viele junge Serben von Kroatien nach Sombor auf die andere Seite des Flusses. Seit etwa 15 Jahren arbeiten die Menschen wieder zusammen. „Durch die Donau werden wir wieder Freunde“, sagt Radmila Šakić Peurača.
Von der serbischen Seite berichtet Peurača vom staatlichen Forstbetrieb Vojvodinašume, zuständig für das Sonderschutzgebiet Gornje Podunavlje. Dort wurden Kanäle gebaut, die sich füllen, wenn die Donau hoch genug steht. Sie versorgen rund 900 Hektar unterschiedlicher Ökosysteme auf Staatsland. Der Forstbetrieb hat eine doppelte Rolle: Er bewahrt den Wald und nutzt ihn zugleich.
Auf 26 Hektar wurden heimische Eschen und Eichen gepflanzt. Welche Art, hängt vom Boden ab. Weil das Gebiet offiziell ein Jagdrevier ist, stehen neue Pflanzungen 20 Jahre lang hinter Zäunen, damit das Wild sie nicht frisst. Zwei Jahre werden die jungen Bäume gepflegt, dann überlässt man sie der Natur.
Doch das Grundwasser sinkt. In diesem Jahr erreichte es im Dorf einen historischen Tiefstand, die Förster müssen auf andere Baumarten ausweichen. Und die Lösung? „Die kennen wir nicht.“

Station 8: Báta – ein Altarm und zwei Pfeiler mit Geschichte
Gegen Mittag erreichen wir Báta in Ungarn. Der Altarm hier ist einer der größten toten Donauarme im Nationalpark Duna-Dráva, rund zehn bis zwölf Kilometer lang und etwa zehn Meter breit. Vor der Regulierung war er das Hauptbett der Donau. Danach floss der Strom gerade und schneller, grub sich tiefer ein, und der alte Arm verlandete.
Auch hier fehlt Wasser. Sedimentation, die Eintiefung des Flussbetts und der Klimawandel haben den Zufluss stark verringert. Ein Grund liegt weit flussaufwärts: Die Wasserkraftwerke in Österreich halten das Geschiebe zurück, in Ungarn kommt kaum noch Sediment an. Und wenn das Wasser niedrig steht, kann es auch keines ablagern.
Für uns ist das der erschreckendste Moment der Reise. Stellenweise ist im alten Donaubett überhaupt kein Wasser mehr. Wo einst der Hauptstrom floss, liegt trockener Grund. Man mag sich nicht vorstellen, dass dies ein Bild unserer Zukunft sein könnte, wenn wir unsere Lebensweise nicht ändern.
Tibor Parrag und Sándor Kövesi von der Nationalparkdirektion erklären, was geplant ist. Auf rund 85 Hektar entsteht ein niedriger Damm, der den oberen Teil des Altarms aufstaut. Etwa 8.000 Kubikmeter Sediment werden ausgebaggert, damit dauerhaft offene Wasserflächen bleiben, und die bestehende Schleuse wird erneuert. Planung und Umweltprüfung liefen 2025, gebaut wird ab 2027.
Der Damm kommt an eine Stelle mit Geschichte. Dort stehen zwei große Pfeiler, gedacht in den 1950er-Jahren für eine Eisenbahnbrücke. Die Brücke wurde nie gebaut, die Spannungen mit dem damaligen Jugoslawien kamen dazwischen. Heute sind die Pfeiler ein Glücksfall: Sie sind so robust, dass das Hochwasser, das mit großer Kraft in den Altarm schießt, sie nicht umwerfen kann.
Die Nationalparkleute setzen nicht nur auf Verbote. Die Gemeinde soll mitmachen, auch die Fischer. József Bocz, Vizebürgermeister und Vorsitzender des örtlichen Fischereivereins, kennt den Altarm seit Jahrzehnten. Geplant war die Renaturierung schon lange, doch das Budget fehlte. Die Erfahrung macht Mut: Wenn das Wasser da ist, sind die neuen Lebensräume schon im zweiten Jahr sichtbar.

Ein Abschied mittviel Dankbarkeit
Am Nachmittag rollt der Bus zurück nach Wien, die ungarischen Teilnehmer fahren nach Budapest, die kroatischen nach Zagreb. Vier Tage, acht Stationen, fünf Länder.
Eine Erkenntnis nehmen wir mit. Man hat sie oft gehört, aber man kann sie nicht oft genug hören: Es nützt wenig, wenn sich ein Land um seinen Fluss kümmert und das nächste nicht. Was flussaufwärts geschieht, kommt flussabwärts an. Die Rettung von Mur, Drau und Donau hängt nicht an einem einzelnen Staat. Man muss grenzübergreifend denken und die Grenzen im Kopf ausschalten.
Die Flüsse brauchen Raum, Kurven und vor allem Wasser. Wo man ihnen das zurückgibt, kehrt das Leben erstaunlich schnell zurück. Wo das Wasser ausbleibt, stehen selbst erfahrene Förster ratlos da. Wir danken dem WWF für diese Reise. Sie war eine der umfangreichsten, die wir je unternommen haben, und zugleich eine der wertvollsten. Wir von danube connects wünschen uns mehr solcher Reisen. Auf ihnen kehrt man nicht nur als Mensch zu seinen Wurzeln zurück, zu Mutter Natur. Man erfährt auch, in welchem Zustand sie ist und was man tun kann, um ihr ihre natürlichen Lebensräume zurückzugeben.

Mirella Sidro,
Sarajevo

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