Die kleine Perle von Véménd

Die kleine Perle von Véménd

Wie ein Bürgermeister und sein Team in Südungarn die ungarndeutsche Kultur am Leben hält. In Südungarn wurde ich von Sabine Geller zum wöchentlichen Chorabend mitgenommen, bei dem auch ihre Verwandten spielen und singen. Als ich den Raum betrat, kam ich mir ein bisschen wie ein Störenfried vor. Das hielt ungefähr drei Sekunden, denn ich wurde

Wie ein Bürgermeister und sein Team in Südungarn die ungarndeutsche Kultur am Leben hält.
In Südungarn wurde ich von Sabine Geller zum wöchentlichen Chorabend mitgenommen, bei dem auch ihre Verwandten spielen und singen. Als ich den Raum betrat, kam ich mir ein bisschen wie ein Störenfried vor. Das hielt ungefähr drei Sekunden, denn ich wurde aufgenommen wie ein Teil der Community. Die Truppe war unglaublich herzlich und freute sich über meinen Besuch! Es wurde neben Speis und Trank gelacht und erzählt, natürlich in perfektem Deutsch. Das Singen selbst habe ich verpasst: Zwei Lieder sollen es gewesen sein, während ich nebenan mit dem Bürgermeister beim Interview saß.

Der Bürgermeister, den alle Specki nennen
Zoltán Szalonna, von allen Specki genannt, kommt sportlich und auffallend energiegeladen herein. Er ist 1975 in Véménd geboren, und seine Familie ist das Dorf im Kleinen: eine ungarndeutsche Seite, die nicht vertrieben wurde, und eine ungarische, die nach dem Krieg aus Oberungarn hierher vertrieben wurde. Warum die eine Hälfte bleiben durfte, ist eine Geschichte für sich. Der Familienname war magyarisiert: Szalonna, ungarisch für Speck. Wer die Vertreibungslisten zusammenstellte, las den Namen und schrieb: Ungar. Dass der Großvater kaum Ungarisch sprach und die Urgroßmutter gar nicht, stand nicht darauf.
Bis Kriegsende waren bis zu neunzig Prozent der Einwohner Ungarndeutsche. Dann kam der Bevölkerungsaustausch. Sie sollten mit zwanzig Kilo Gepäck gehen, so viel, wie ihre Vorfahren dreihundert Jahre zuvor angeblich bei ihrer Ankunft mitgebracht hatten. In die leeren Häuser kamen Ungarn aus der heutigen Slowakei und Székler aus Rumänien. Wer später zurückkam, fand kein Haus mehr vor. Sechs Volksgruppen haben hier gelebt: Schwaben, Ungarn, Serben, Juden, Roma und Székler.

Hundert Menschen, ein Motor
Heute stellen die Ungarndeutschen nach Speckis Angaben rund 45 Prozent der Einwohner. Was sie trägt, ist kein einzelner Verein, sondern ein Geflecht: Kindertanzgruppe, Erwachsenentanzgruppe, gemischter Chor, Singkreis, Männerchor, Kirchenchor, Blaskapelle, Kinderblaskapelle, ein Gesangsduo. Rund hundert Menschen vom Kindergartenkind bis zur Urgroßmutter bilden den „Bewegungsmotor“, sagt Specki.
Specki selbst war sechs, als er in die Tanzgruppe eintrat und seine Trompete bekam. Eine Frage sei das nie gewesen, sagt er, das war einfach das Leben. Seine drei Kinder, acht, neun und zehn Jahre alt, machen es ihm nach – sie tanzen und musizieren seit drei Jahren fleißig mit.

Infrastruktur statt Folklore
Bemerkenswert ist, dass Kultur hier nicht als Brauchtumspflege behandelt wird, sondern als Aufgabe, für die man Strukturen baut. 1994 wurde die deutsche Selbstverwaltung gegründet, 2016 übernahm sie die Trägerschaft des zweisprachigen Nationalitätenkindergartens, nach Absprache mit der Roma-Selbstverwaltung, die zustimmen musste, was sie auch tat. Die Grundschule ist ebenfalls zweisprachig.
Für den Musikunterricht wurden Anträge über die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen gestellt: 34 Kinder werden heute unterrichtet und wachsen über die Kinderblaskapelle in die Blaskapelle hinein.
Die elegante Pointe dabei: Vor einigen Jahren haben die deutsche und die Roma-Selbstverwaltung ihre Anträge schlicht getauscht. Aus Trompeten wurden Geigen, aus der Tuba ein Kontrabass. Mit einem Arbeitsgang kamen beide Gruppen an Instrumente und an Lehrer. So entstand nebenbei auch eine Tambura-Kapelle.
Dazu kommen die Jugendorganisationen: der VUK für die Kinder bis vierzehn, die GJU für die Älteren, deren Kerngruppe heute zwischen 17 und 25 Jahre alt ist.
Und es gibt die Notenbücher, Hunderte davon. Während des Interviews mit Specki, das im Noten-Ausstellungsraum stattfindet, sind wir von ihnen umgeben. Auch hier ist alles mit Liebe im traditionellen Stil eingerichtet. Es ist, als hätte man eine Reise in die Vergangenheit gemacht. Seit dreißig Jahren wird gesammelt, vieles liegt bis heute in Kartons, am Boden verstreut. Daraus entstand die Idee eines eigenen Hauses, um diese Kostbarkeiten zu bewahren und die Musik der Ungarndeutschen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Zwei Milliarden Forint und die Frage nach dem Wasser
Specki hat schon einiges umgesetzt. Doch ans Aufhören denkt er noch lange nicht. Geplant ist ein Kulturzentrum mit einem Konzertsaal, dessen Akustik ohne Verstärkung auskommen soll, inklusive eines Tonstudios für junge Musiker. In Budapest gibt es diese Möglichkeit, aber sie ist unbezahlbar. Kosten für die Umsetzung: rund zwei Milliarden Forint (etwa 5,5 Millionen Euro).
Es steht trotzdem hinten in der Reihe, denn vorher kommt das Wasser. Die beiden Brunnen, aus denen Véménd sein Trinkwasser bezieht, versiegen langsam; im vergangenen Winter war zeitweise keines mehr da. Im Winter, nicht im Sommer. Seit sechs Jahren arbeitet Specki an einer regionalen Wasserversorgung von der Donau herauf, für fünf bis sieben Dörfer. Die Pläne sind genehmigt, es fehlt das Geld, ebenfalls rund zwei Milliarden Forint (etwa 5,5 Millionen Euro). Parallel soll eine kommunale Energiegesellschaft entstehen. Dass er beides als dieselbe Aufgabe begreift, ist das Bemerkenswerte. „Ohne Wasser ist nichts“, sagt er, und meint damit auch die Kultur.
Dazu kommen Tourismuspläne: ein Festplatz in der Natur mit Stausee für Regenwasser, die Sanierung alter deutscher Häuser sowie eine Anbindung an die Wanderwege und an die Weinregionen Villány und Szekszárd. Angedacht ist ein Lehrpfad, der über QR-Codes die Musik jeder Volksgruppe hörbar macht, die hier gelebt hat.

Politik bleibt draußen
Specki macht sich keine Illusionen. Dass die Sprache zurückgeht, weiß er; als die Großeltern starben, ging der Alltagsgebrauch mit. Die Musik, glaubt er, wird am längsten bleiben.
Warum die Community so gut funktioniert, hat einen einfachen Grund, den Specki konsequent durchzieht: „Du kannst rechts sein, du kannst links sein, uns ist das egal“, erklärt der Bürgermeister.
Und dann gibt es noch einen Punkt, der für Specki wichtig ist: Die Jungen sollen bewusst in die Welt hinausgehen! Studieren und arbeiten, egal wo, um Erfahrungen zu sammeln. Wie die Wandergesellen früher. Dann sollen sie zurückkommen und mit neuen Ideen hier weitermachen, so wie er selbst es getan hat: „Ich habe für die größten Unternehmen in hohen Positionen, unter anderem in Deutschland, gearbeitet. Doch für mich war klar, dass ich hierher zurückkomme, um meiner Heimat was zurückzugeben“, erzählt Specki.

Auf bald
Ich hatte befürchtet, der Abend würde lang werden. Er wurde lang, aber nicht lang genug. Oder besser gesagt, er verging zu schnell. Was ich mitnehme? Sehr viel! Vor allem, dass dieser junge Bürgermeister nicht neben seiner Gemeinschaft steht, sondern mittendrin ist. Ob das Dorf ihn trägt oder er das Dorf, lässt sich nicht trennen.

Auf dem Weg zum Gästehaus, wo wir übernachten, kommt man an zwei Friedhöfen vorbei, einem ungarndeutschen und einem jüdischen. Beide alt, beide gepflegt, beide besucht. Hier wird an die Vorfahren gedacht, und ihr Geist ist noch da. Bevor wir aufbrechen, fragt mich Specki, ob ich einen Tag länger bleiben kann. Am nächsten Abend findet ein Männerkochkurs statt. Ich solle auch mitmachen. Das „stärkere Geschlecht“ wird unter den wachsamen Augen des Bürgermeisters selbst internationale Küche zubereiten. Mit einem weinenden Auge muss ich absagen. Die Herrschaften nehmen es mir nicht übel. Besiegelt wird der Abend mit einem Glas Wein, für etliche Anwesende nicht das erste. Ich trinke keinen Alkohol, aber genippt habe ich dennoch. Es ist ja symbolisch gemeint, und ein Abschied ist es nicht, eher ein Auf bald.

Mirella Sidro,
Sarajevo

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