Über die Kelten gibt es viele Legenden und Märchen – doch kaum einer weiß, wo ihre Anfänge wirklich zu finden sind. Ein unscheinbarer Hügel über der Donau im Landkreis Sigmaringen gibt eine verblüffende Antwort: Hier, auf der Heuneburg, stand vor 2.600 Jahren die älteste Stadt nördlich der Alpen – und sie revolutioniert bis heute unser
Über die Kelten gibt es viele Legenden und Märchen – doch kaum einer weiß, wo ihre Anfänge wirklich zu finden sind. Ein unscheinbarer Hügel über der Donau im Landkreis Sigmaringen gibt eine verblüffende Antwort: Hier, auf der Heuneburg, stand vor 2.600 Jahren die älteste Stadt nördlich der Alpen – und sie revolutioniert bis heute unser Bild einer Hochkultur, die Europa lange vor Rom geprägt hat.
Ein Hügel mit langem Gedächtnis
Bekannt war der markante Geländerücken schon lange am Oberlauf der Donau im Ortsteil Hundersingen der Gemeinde Herbertingen, etwa 14 Kilometer östlich von der baden-würt-tembergischen Stadt Sigmaringen. Im Mittelalter nannten die Leute ihn die „Heidenstadt“ – ein Name, der ahnen lässt, dass man wusste: Hier war einmal etwas. Erste antiquarische Beschreibungen stammen aus dem 19. Jahrhundert. Doch systematische Wissenschaft begann erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Von 1950 bis 1979 grub Wolfgang Kimmig vom Württembergischen Landesmuseum Stuttgart die Anlage aus und legte Strukturen frei, die niemand erwartet hatte: Befestigungswälle, Gebäudefundamente, Handwerksbereiche – und eine Mauer, die die Forschung bis heute überrascht hat.
Diese Mauer, datiert auf das 6. Jahrhundert vor Christus, bestand aus luftgetrockneten Lehmziegeln, war mit Bastionen versehen und nach einer Bautechnik errichtet, die man bis dahin ausschließlich aus dem Mittelmeerraum kannte. Jemand in dieser keltischen Siedlung nördlich der Alpen hatte nicht nur von mediterraner Architektur gewusst. Er hatte sie kopiert, verfeinert, angewandt. Das war kein Zufall und kein Handel – das war Wissenstransfer auf höchstem Niveau.
Eine Stadt – größer als gedacht
Was Kimmig ausgegraben hatte, war beeindruckend. Doch es war nur ein Bruchteil der Wahrheit. Ab 2005 setzte Prof. Dr. Dirk Krausse, Abteilungsleiter beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, modernste Prospektionsmethoden ein: Geomagnetik, Luftbildarchäologie, gezielte Grabungen. Das Ergebnis war ein Paradigmenwechsel. Vor den Befestigungsanlagen des eigentlichen Burgbergs erstreckte sich eine riesige Außensiedlung – strukturiert, dicht besiedelt, über 100 Hektar groß. Das war keine Ansammlung von Hütten. Das war eine Stadt.
„Archäologisch sind urbane Strukturen auf der Heuneburg schon für die Zeit um 600 vor Christus nachweisbar“, sagt Krausse. „Und sie ist sehr wahrscheinlich identisch mit dem ersten in den antiken Schriftquellen erwähnten Ort nördlich der Alpen – der bei Herodot genannten Polis Pyrene.“ Der Vater der Geschichtsschreibung könnte also die Heuneburg gekannt haben.
Wie viele Menschen lebten hier? Krausse ist vorsichtig mit Zahlen: „Wir gehen davon aus, dass in der gesamten Stadt, einschließlich der Außensiedlung, um die Mitte des 6. Jahrhunderts vor Christus 3.000 bis 5.000 Menschen lebten. Wenn man aber die zugehörigen Siedlungen im Umland einkalkuliert, kommt man für dieses Gemeinwesen auf fünfstellige Zahlen.“ Ausdrücklich betont er: Das basiert auf theoretischen Modellrechnungen. Aber auch als Näherungswert ist diese Zahl für die Eisenzeit außergewöhnlich.
Gold aus dem schwarzen Boden
Krausse erinnert sich genau an den Moment, der ihn am tiefsten berührt hat. Es war die Ausgrabung des Grabes der sogenannten „Bettelbühlfürstin“ – eines der prächtigsten Fürstengräber im Umfeld der Heuneburg. „Als eine der großen, wunderschönen Gewandspangen aus purem Gold plötzlich aus dem schwarzen Boden auftauchte“, sagt er, „das vergisst man nie.“ Solche Funde sind mehr als Schmuck. Sie sind Beweise. Sie belegen eine Gesellschaft mit extremer Hierarchie, mit einer Elite, die Reichtum akkumulierte, Fernhandel organisierte und sich in einer Pracht inszenierte, die wir lange nur aus dem Mittelmeerraum kannten. Diese Menschen waren keine isolierten Stammeskrieger. Sie waren Teil eines weiträumigen Handelsnetzwerks, das die keltische Elite mit der antiken Welt verband.
Ein Forscherleben reicht nicht
Was macht die Heuneburg so besonders im Vergleich zu anderen frühkeltischen Fürstensitzen? Krausse, der seit seiner ersten Exkursion als Göttinger Student 1984 von diesem Ort fasziniert ist, gibt eine überraschend ehrliche Antwort: „Die Heuneburg ist der mit Abstand am besten erforschte frühkeltische Fürstensitz. Aber gerade dadurch tun sich immer neue Fragen auf. Wir verstehen sie besser als alle anderen – aber wir sind weit davon entfernt, sie abschließend erforscht zu haben.“
Was noch im Boden liegt? Zwei Drittel des Burgbergs sind unangetastet. Die Kulturschichten sind stellenweise drei Meter dick. Krausse vermutet Brunnen, vielleicht ein Heiligtum oder einen Tempel – beides fehlt bislang völlig. Unterhalb der Anlage, direkt an der Donau, könnte ein Hafen liegen. Es gibt noch viele offene Fragen. ”Ein Archäologenleben ist zu kurz“, sagt Krausse schlicht. „Es wird noch Generationen von Archäologinnen und Archäologen brauchen.“
2.500 Jahre sind nicht weit
Was können wir heute von den Kelten der Heuneburg lernen? Krausse weicht der naheliegenden Versuchung aus, die Vergangenheit für aktuelle politische Narrative zu instrumentalisieren. Stattdessen macht er eine scheinbar schlichte, aber tiefgehende Bemerkung: „Seit dem Ende der Heuneburg sind 2.500 Jahre vergangen, in denen Menschen in Südwestdeutschland gelebt haben. Wenn wir von heute 2.500 Jahre nach vorne schauen, sprechen wir vom Jahr 4526 nach Christus. Angesichts von drohenden Kipppunkten und immer früher liegenden Erdüberlastungstagen ist das eine geradezu utopisch anmutende Zahl.“
Menschen sind über Jahrtausende ohne vieles ausgekommen, was uns heute alternativlos erscheint. Diese Erkenntnis, sagt er, mag vielleicht einen Beitrag zum Umdenken leisten.
Was wünscht sich Krausse persönlich für die Zukunft der Heuneburg? Er lächelt. „Die Entdeckung einer Inschrift, die die Heuneburg als Polis Pyrene ausweist, wäre nicht schlecht. Die Eintragung in die UNESCO-Welterbeliste. Und viele Besucherinnen und Besucher.“ Drei Wünsche, die zeigen, dass es hier um mehr geht als Archäo-logie. Die Heuneburg ist das älteste und bedeutendste Zeugnis städtischer Zivilisation auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württemberg – ein Erbe, das dem Land einen festen Platz in der europäischen Frühgeschichte sichert und dessen wissenschaftliches Potenzial nach Einschätzung von Experten eine UNESCO-Welterbe-Kandidatur rechtfertigt.
Mirella Sidro,
Sarajevo
Heuneburg – Stadt Pyrene
www.heuneburg-keltenstadt.de
Öffnungszeiten: Di – So, Feiertag, 10:00 – 17:00 Uhr


















