21 junge Menschen aus fünf Donauländern, sechs Tage zwischen Ruse, Belene und Svishtov, ein fertiger Arbeitsplan bis 2030: Das zweite Boot Camp des Danube Youth Organisations Network hat gezeigt, dass Jugendbeteiligung im Donauraum keine Absichtserklärung mehr ist. Wer wissen will, ob eine europäische Strategie bei den jungen Menschen ankommt, sollte nicht nur auf Konferenzen schauen,
21 junge Menschen aus fünf Donauländern, sechs Tage zwischen Ruse, Belene und Svishtov, ein fertiger Arbeitsplan bis 2030: Das zweite Boot Camp des Danube Youth Organisations Network hat gezeigt, dass Jugendbeteiligung im Donauraum keine Absichtserklärung mehr ist.
Wer wissen will, ob eine europäische Strategie bei den jungen Menschen ankommt, sollte nicht nur auf Konferenzen schauen, sondern in ein Jugendzentrum in Svishtov. Dort saßen im September 21 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland, Bulgarien, Rumänien, Bosnien und Herzegowina sowie der Ukraine vor großen Papierbögen und beantworteten eine Frage, die in Brüsseler Dokumenten selten so direkt gestellt wird: Was soll unser Netzwerk eigentlich sein?
Das zweite DYON Boot Camp fand vom 9. bis 15. September 2026 in Bulgarien statt, nach der Premiere 2025 in Bosnien und Herzegowina. Der Ortswechsel folgt einer Logik: Das Gastland stellt jeweils die EUSDR-Präsidentschaft. 2025 war das Bosnien und Herzegowina, 2026 ist es Bulgarien, 2027 übernimmt Kroatien. Das Boot Camp wandert also mit dieser Verantwortung.

Zurück zur Quelle
Wer den Ursprung der DYON-Geschichte verstehen will, muss zurück zur Quelle. 2011 wurde die EU-Strategie für den Donauraum (EUSDR) im Ursprungsland der Donau offiziell gestartet. In Baden-Württemberg bildete der neue, grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann gerade seine Regierung, verankerte die EUSDR in seiner Politik, und alle machten sich auf den Weg, die Strategie von der Zivilgesellschaft des Wohlstandslands Baden-Württemberg bis in die jungen Demokratien an der Donaumündung zu tragen.
Das Bild trägt das Engagement bis heute: ein majestätischer, grenzüberschreitender Fluss mit schlichter Quelle im hohen Schwarzwald und Mündung im Schwarzen Meer, der neun EU-Mitgliedstaaten und fünf Beitrittskandidaten verbindet. Im Mai 2026 wurde die Donauraumstrategie erneut fest im Koalitionsvertrag der neuen Landesregierung verankert.
Inzwischen ist die EUSDR 15 Jahre alt geworden, und eine zentrale Erkenntnis ihrer Steuerung lautet: Die Strategie braucht frisches Wasser. Neue Ideen und junge Menschen, die sich für transnationale Kooperation begeistern, denn genau das ist die Essenz der EUSDR.
Als Zufluss in diesen Prozess bewilligte das Land Baden-Württemberg zwei große Projekte zur Entwicklung eines Donau-Jugendnetzwerks (DJN), die von 2019 bis Ende 2022 liefen. Dann geschah, was auch der Donau selbst passiert: Zwischen Immendingen und Möhringen versickert sie an durchschnittlich 155 Tagen im Jahr vollständig im Kalkstein, man kann trockenen Fußes durch ihr Bett laufen. Für die Weiterentwicklung des Jugendnetzwerks wurden keine Mittel mehr bewilligt. Verschwunden war es deshalb nicht: Das Wasser der Donau tritt zwölf Kilometer weiter im Aachtopf wieder aus. Ein kleinerer Zufluss fand sich auch hier, im Projekt DYON.
Parallel dazu erhielt der Danube Strategy Point (DSP) in Wien, die zentrale Steuerungsinstitution der EUSDR, von den 14 nationalen Koordinatorinnen und Koordinatoren den Auftrag, die Jugendbeteiligung in der Strategie zu verankern. Die Brigach und die Breg bringen die Donau zu Weg: Seither steht die offizielle Jugendbeteiligung der EUSDR auf zwei Beinen, einem Danube Youth Council (DYC) und einem Netzwerk der Organisationen, dem DYON.
Eine Geschichte mit Bruch
Einer der Schlüsselakteure dieses Prozesses ist Stefan Barth, Geschäftsführer der Agapedia Stiftung in Stuttgart, Mit-Initiator des DYON und heute dessen Single Point of Contact. Wie aus Einzelprojekten ein Netzwerk wurde, erzählte er am zweiten Abend in Svishtov, unter dem Titel „DYN to DYON – A Living Story of Youth Participation“. Der Ausgangspunkt liegt bei Agapedia, 1995 von Jürgen Klinsmann gegründet und seither für Kinder in Baden-Württemberg und Rumänien im Einsatz. Seit 2001 arbeitet die Stiftung auch in Bulgarien und der Republik Moldau, ab 2017 zusätzlich in Georgien.
2013 kam die Donaudimension dazu, unter dem Motto „Bewegen – Begegnen – Bewirken“. Zwischen 2019 und 2022 trug ein Kern von NGOs aus Bulgarien, Deutschland, Kroatien, Rumänien und Serbien das Danube Youth Network: Stiftung Liebenau, ABLE, Breza, Re-Act, Supernatural, die Federation of Social NGOs in Transylvania und Agapedia selbst. Daraus entstanden Formate mit Reichweite: die Jugendcamps „Friends of the Danube“ für 15- bis 30-Jährige, die Reihe „Youth and Cities“ in Ellwangen mit sechs Veranstaltungen pro Jahr und jeweils rund 50 Teilnehmenden, der Videowettbewerb „Shoot by Youth“ mit 14 Teams aus sechs Ländern allein im Jahr 2021, dazu die Danube Participation Days gemeinsam mit dem Danube Civil Society Forum.
Dann folgte, in Barths eigenen Worten, eine „Frustration Time“. Engagement ohne tragfähige Struktur läuft leer. Die Konsequenz war der Neustart. 2024 wurde unter Koordination der österreichischen EUSDR-Präsidentschaft das Danube Youth Organisations Network gegründet, ein offenes Netzwerk von inzwischen rund 50 Jugendorganisationen.
Die Struktur ist bewusst schlank: Der Danube Strategy Point mit Cristina Cuc hält die Verbindung zur Strategie, ein Single Point of Contact mit Stefan Barth bündelt die Fäden, eine Steering Group und thematische Arbeitsgruppen verbinden die Mitgliedsorganisationen. Parallel ermöglicht der Danube Youth Council die Partizipation der Mitwirkung in den einzelnen Priority Areas (PAs) der EUSDR . Die Arbeitsteilung bringt eine Grafik auf den Punkt: DYON steht für die breite, lokale zivilgesellschaftliche Beteiligung von unten, der DYC für die Repräsentation in den Gremien. Zusammen ergeben sie #DanubeYouth, als die zukünftige Vision für das Netzwerk der Jugendpartizipation in der EUSDR insgesamt.
Was in Bulgarien passiert ist
Das Programm des DYON Bulgarien verband konkrete Ortskenntnis mit theoretischen Arbeitsphasen. Organisiert wurde das Boot Camp von den bulgarischen NGO’s Re-Act unter Leitung von Lyuben Georgiev und Agapedia unter Leitung von Ivan Ivanov. Es begann in Ruse, der größten bulgarischen Donaustadt, die wegen ihrer Fassaden „Klein-Wien“ genannt wird und deren Geschichte selbst eine Lektion in Bürgerengagement bereithält: Ende der 1980er Jahre protestierten hier Frauen gegen die grenzüberschreitende Luftverschmutzung aus dem rumänischen Giurgiu, ein Protest, der als einer der Vorboten des politischen Umbruchs gilt. Aus der Umweltbewegung erwuchs die erste offene Opposition im kommunistisch regierten Bulgarien: Im April 1989 gründete sich die Bürgerbewegung Ökoglasnost, deren Demonstrationen mit dazu beitrugen, dass Parteichef Todor Schiwkow am 10. November 1989, einen Tag nach dem Fall der Berliner Mauer, nach 35 Jahren an der Macht zum Rücktritt gezwungen wurde. Ein Jahr später wählte Bulgarien zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg frei.
Der zweite Tag führte über die mittelalterlichen Felsenkirchen von Ivanovo nach Svishtov, dem Standquartier der Gruppe. Am dritten Tag stand die Arbeitssession „Why do we need DYON?“ im Jugendzentrum von Svishtov auf dem Plan, nachmittags eine Kajaktour auf der Donau. Der vierte Tag galt der Insel Persin bei Belene. Dort bestand von 1949 bis 1987 das am längsten existierende Lager des kommunistischen Bulgarien; mehr als 15.000 Menschen waren dort interniert, ohne Prozess, ohne Anklage, ohne festgelegte Haftdauer. Heute ist die Insel Teil des Naturparks Persina. Für eine Gruppe, die über europäische Zusammenarbeit spricht, ist dieser Ort ein Argument in sich.
Der fünfte Tag im Jugendzentrum in Svishtov wurde der Zukunft gewidmet: Es wurde an den Prioritäten, Roadmaps und Verantwortungstabellen des DYON gefeilt.
PA8 kommt ins Jugendzentrum
Der wichtigste institutionelle Schritt des Camps lässt sich an einer Person festmachen. Mohini Sharma kam im Auftrag des Prioritätsbereichs PA8 – die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen, den das Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg und das kroatische Wirtschaftsministerium gemeinsam koordinieren – mit dem informativen Vortrag “From Strategy to Action – How can Young people shape cooperation in the Danube Region?”, der von den jungen Teilnehmern dankbar angenommen wurde. Ein Prioritätsbereich der EUSDR entsendet eine Vertreterin in ein Jugendzentrum an der unteren Donau: Das ist der Beleg dafür, dass DYON kein Satellit mehr ist, sondern ein integrierter Bestandteil der Strategie.
Die EUSDR teilt ihre Arbeit in zwölf Prioritätsbereiche auf, von Wasserstraßen, Schiene und Luftverkehr über Energie, Kultur und Tourismus, Wasserqualität, Umweltrisiken und Biodiversität bis zu Wissensgesellschaft, Wettbewerbsfähigkeit, Bildung, Sicherheit und institutioneller Zusammenarbeit. Die Aufteilung ist kein Verwaltungsreflex, sondern eine praktische Notwendigkeit: Ein Fluss, der zehn Staaten durchquert, bringt Hochwasserschutz, Fachkräftemangel und Schiffbarkeit gleichzeitig mit sich, und jedes dieser Themen braucht andere Fachleute an einem Tisch.
Sharma arbeitete mit aktivierenden Methoden statt mit Frontalunterricht: Partnergespräche, Umfragen, offene Fragen. Inhaltlich führte sie von den vier Säulen und zwölf Prioritätsbereichen zur konkreten Arbeit von PA8 in den Feldern Unternehmensgründung, Innovation und Technologietransfer, mit Arbeitsgruppen zu Kreislaufwirtschaft, künstlicher Intelligenz, Digitalisierung und Gründerinnen. Projekte wie DRWO4.0, an dem Partner aus elf Donauländern beteiligt sind, machten sichtbar, wie aus einem Netzwerk ein Ergebnis wird.
Entscheidend war ein Satz, den man so selten hört: Für Beitrittskandidaten beginnt die europäische Integration bereits hier, über die Mitarbeit in diesen Netzwerken, lange vor dem Beitritt. Für junge Menschen aus Bosnien und Herzegowina oder der Ukraine ist das eine praktische Auskunft, keine Floskel. Ihre vier Schritte zur Beteiligung: auftauchen, eine Idee mitbringen, Partner suchen, nach dem Weg fragen.
Strategie erklärt, im Haus der Canettis
Die inhaltliche Grundlage legte der Danube Strategy Point am ersten Tag. Katharina Schmidt und Cristina Cuc erklärten in einer Online-Session, wie die EU-Strategie für den Donauraum funktioniert: 14 gleichberechtigte Staaten, EU-Mitglieder ebenso wie Beitrittskandidaten, vier Säulen, zwölf Prioritätsbereiche, nationale Koordinatoren in jedem Land.
Der Ort der Session war gut gewählt: das frühere Handelshaus der Familie Canetti in Ruse, Großelternhaus des Literaturnobelpreisträgers Elias Canetti und heute Ausstellungsraum. Passend dazu kartierten die Teilnehmenden im Anschluss in Übungen wie der Human Danube Map und dem Identity Bingo ihre eigenen Verbindungen entlang des Flusses. Eine Erkenntnis aus der Diskussion sollte die Strategie ernst nehmen: An Jugendorganisationen mangelt es nicht. Schwer ist es, die Jugendlichen selbst zu erreichen.
Was die Jugendlichen wollen: DYON 2030
Die Arbeitssessions lieferten die Substanz. Auf drei Plakaten vervollständigten die Gruppen den Satz „DYON should…“ in vier Feldern: verbinden, stärken, schaffen, vermeiden. Die Ergebnisse waren auffällig deckungsgleich. Verbinden wollen sie junge Menschen mit Fachleuten, Behörden, Kommunen und Fördermöglichkeiten, ausdrücklich auch mit der EUSDR selbst. STÄRKEN wollen sie Transparenz, Zugänglichkeit und die Fähigkeit, aus den unterschiedlichen lokalen Kontexten zu lernen. SCHAFFEN wollen sie eine professionelle Kerngruppe, einfachere Kommunikationswege, mehr Begegnungen und, in einer Gruppe explizit, eine formale Rechtsform für das Netzwerk. Und VERMEIDEN wollen sie dreierlei: unverständliche Sprache, Bürokratie und Stillstand. In roter Schrift steht auf einem Plakat unter Avoid dasselbe Wort, mit dem Stefan Barth die Jahre nach 2022 beschrieben hatte: FRUSTRATION!
Am Whiteboard verdichtete die Gruppe das zu einem Bild. DYON 2030 ist als Haus gezeichnet, mit dem Fundament Youth und vier Säulen. Organisation: Struktur, Plattform, Marketing, Anpassungsfähigkeit. Umsetzung: Projekte, Aktivismus, grenzüberschreitende Verbindungen, sozialer Zusammenhalt, Lernen durch Erfahrung und ausdrücklich Arbeit in Regionen ohne staatliche Unterstützung. Werte: Sichtbarkeit, Zugänglichkeit, Respekt, Nachhaltigkeit, Fürsorge, Wachstum und, ohne Scheu, Liebe! Ziele: Chancen schaffen, junge Menschen mit Expertinnen und Experten verbinden, Umwelt, Weiterentwicklung. Als Querschnittsthemen stehen Nachhaltigkeit und grenzüberschreitende Zusammenarbeit daneben.
Verbindlichkeit statt Absichtserklärungen
Am letzten Tag wurde aus der Vision ein Arbeitsplan. In Verantwortungstabellen hielt jede Gruppe fest, was genau zuerst passiert, wer es tut, bis wann und was dafür gebraucht wird. Ein Team bereitet das dritte Boot Camp 2027 vor und beginnt mit einer ehrlichen Auswertung des diesjährigen. Das Marketing-Team startet bis Ende Oktober einen Instagram-Kanal samt Brand Kit und Posting-Plan, also mit Formaten, die DYON in der Sprache der eigenen Generation erklären: die direkte Antwort auf die Kritik an der Behördensprache. Eine dritte Gruppe baut eine FAQ-Seite auf, damit niemand an der schlichten Frage scheitert, ob Unterkunft und Anreise übernommen werden. Eine weitere Gruppe sucht ein flexibles, selbstorganisiertes System, das Personal und Fördermittel dauerhaft sichert.
In der Spalte „Was brauchen wir?“ tauchen immer wieder dieselben drei Dinge auf: Zeit, Menschen, Entschlossenheit. Und an einer Stelle steht es ausdrücklich: Förderung durch die Europäische Kommission, Unterstützung durch die EUSDR und beteiligte Organisationen aus mindestens fünf DYON-Ländern. Genau daran entscheidet sich, ob die Namen in den Tabellen Namen bleiben oder Ergebnisse werden.
Ausblick: Der nächste Termin steht: Am 7. Oktober hat die nationale EUSDR-Koordinatorin Bulgariens, Vyara Mincheva, das DYON eingeladen, seine Ergebnisse beim Treffen der nationalen Koordinatoren und Prioritätsbereichskoordinatoren (EUSDR NC-PAC Meeting) in Ruse vorzustellen, wie im Jahr zuvor in Bosnien und Herzegowina. Im November folgt das EUSDR-Jahresforum in Sofia, ausdrücklich offen für alle. 2027, unter kroatischer Präsidentschaft, soll das dritte DYON Boot Camp stattfinden.
Der große Europäer Jean Monnet, mit dem Stefan Barth seine Präsentation schloss, hat es so formuliert: „Ohne Menschen bewegt sich nichts, ohne Institutionen bleibt nichts.“ In Bulgarien waren beide als ehrliche Symbiose zu spüren.















