Und jeden Tag grüßt die Donau – Kindheit und Jugend entlang des „Europa Flusses“

Und jeden Tag grüßt die Donau – Kindheit und Jugend entlang des „Europa Flusses“

Kindheit und Jugend entlang des 3.000 Kilometer langen „Europa-Flusses“. In Freiburg gibt es ein Institut, das das Leben der Deutschen im östlichen Europa untersucht, das Institut für Kulturanalyse der Deutschen des östlichen Europa (IKDE). Dort hat man in den Archiven gestöbert und Fotos und Tonaufnahmen von Kindheiten und Jugenden entlang der Donau zu Tage befördert.

Kindheit und Jugend entlang des 3.000 Kilometer langen „Europa-Flusses“. In Freiburg gibt es ein Institut, das das Leben der Deutschen im östlichen Europa untersucht, das Institut für Kulturanalyse der Deutschen des östlichen Europa (IKDE). Dort hat man in den Archiven gestöbert und Fotos und Tonaufnahmen von Kindheiten und Jugenden entlang der Donau zu Tage befördert. Mit Partnern aus den Donauländern wurde daraus eine bewegende Ausstellung.

Frau Wirschke, Sie waren als Projektkoordnatorin an der Ausstellung beteiligt. Welchen Geschichten von Kindheit und Jugend im Donauraum begegnen wir in der Ausstellung? Welche mögen Sie besonders gerne?
Die Fotografie, auf der man eine Gruppe zusammensitzend, beim Maisschälen sieht. Sie stammt aus einem Nachlass in unserem Freiburger Archiv (IKDE). Aus diesem Nachlass haben wir auch Tonaufnahnen zur Maisernte in der Dobrudscha (Rumänien, Bulgarien) und aus Bessarabien (Republik Moldau, Ukraine). Dort hört man, dass auch Jugendliche bis nachts mitarbeiteten. Die Arbeit war aber auch ein kleines Fest mit Freiräumen: Es wurde Wein getrunken und die Jugendlichen konnten sich einander annähern. Mais war in diesen Regionen in der Landwirtschaft wohl sehr wichtig. Außerdem wurde aus den Blättern Spielzeug hergestellt.

Spielzeug?
Ja, Puppen zum Beispiel! Ein Foto vom Pilzesammeln fand ich auch toll: Zu sehen sind mehrere Kinder und Jugendliche in einem lichten Waldstück. Ein Junge steht im Vordergrund und lächelt verschmitzt in die Kamera, in jeder Hand hält er je einen Parasol. Das Foto entstand in den 1930er Jahren in der Slowakei. EDort gab es mehrere deutsche Minderheiten, denen auch die abgebildeten Jugendlichen angehörten. Sie hatten einen weiten Schulweg von Deutsch-Litta bis nach Kremnitz (heute: Kremnica). Auf dem Heimweg nach der Schule sammelten sie oft Pilze, die später verkauft wurden. Das Geld für einen vollen Korb, reichte für den Eintritt zu einer Tanzveranstaltung.

Gibt es auch etwas in der Ausstellung, von dem Sie schockiert waren oder das Sie traurig gemacht hat?
Es werden auch die Deportationen im stalinistischen Regime thematisiert. Ein Foto aus dem Nationalmuseum der Geschichte der Republik Moldau zeigt Schülerinnen und Schüler mit ihrer Lehrerin. Einige der Kinder wurden aus der heutigen Republik Moldau nach Sibirien deportiert. Sie halten Bücher in den Händen, auf denen steht „Muttersprache“. Und zwar auf Russisch. Man kann unterschiedlich darauf blicken: Einerseits war es nicht die Muttersprache der Kinder – andererseits war das Erlernen der russischen Sprache pragmatische Lebensnotwendigkeit in der Deportation. Berührt hat mich auch ein Foto mit Waisenkindern. Diese waren extrem abgemagert, in symmetrisch positioniert, in der Mitte: Spielzeug. Teils militärisches Spielzeug. Von 1946 bis 1947 gab es eine große Hungersnot in der Sowjetunion, die die Moldauische SSR und Kinder als vulnerable Gruppe besonders hart traf. Im Gegensatz zur Propaganda schützte der sowjetische Staat seine Bürger und Kinder nicht, sondern verstärkte die Hungersnot und nutzte sie als Repressionsinstrument.

In der Ausstellung geht es vor allem um Kindheiten und Jugenden von früher?
Ja, wir zeigen vor allem Fotos aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Besuchenden erfahren so etwas über die Vergangenheit. Gleichzeitig konfrontieren die Aufnahmen sie mit den eigenen Kindheitserlebnissen.
Wie nähern sich die Besucherinnen und Besucher – neben den Fotografien in der Ausstellung – noch den unterschiedlichen Geschichten?
Es gibt kurze Texte zu lesen, Tonaufnahmen, regionale Objekte und immer auch Fragen an die Besuchenden. Uns war es besonders wichtig, den Blick auf das scheinbar Alltägliche zu werfen, um unterschiedliche Kindheitserfahrungen sowie gesellschaftlichen und historischen Wandel in einer europäischen Dimension greifbar zu machen und zum Nachdenken anzuregen. Im ersten Bereich der Ausstellung geht es darum, wie soziale Netzwerke und Beziehungen das Aufwachsen beeinflussten: Welche Rolle spielten Freundschaften und familiäre Beziehungen? Was für Werte wurden vermittelt? Wie prägten Erwartungen, aber auch Freiräume das Aufwachsen im Donauraum? Der zweite Teil handelt davon, wie Kinder sich ihre Umwelt aneigneten. Wir fragen danach, wie diese im Spiel entdeckt wurde, welche Rolle dabei Orte wie der Familienhaushalt, Schulen und Nachbarschaften spielen. Welche Objekte, Gerüche und Bilder verknüpfst du mit deiner Kindheit? Welche Regeln galten in den Räumen, die du selbst genutzt hast? Im dritten Part geht es um Erfahrungen und Erlebnisse, die unsere Erinnerungen prägen – oder aber nicht thematisiert, vielleicht sogar verdrängt, wurden.

Ein Beispiel?
Ein Foto zeigt Jugendliche im damaligen Rumänien, in der heutigen Republik Moldau. Sie waren 1940 in der anti-sowjetischen Jugendorganisation „Majadahonda” aktiv, flogen 1941 auf und wurden daraufhin teilweise zum Tod verurteilt, teilweise in den Gulag geschickt. Die Fotografie war noch aus ihrer Schulzeit. Weniger düster sind Erinnerungen an Traditionen, wie den Bergbau in der ostslowakischen Region Zips, wo lange auch deutsche Minderheiten lebten und die damit verknüpfte n
Bräuche. Beim Bergopferfest in Göllnitz gab’s einen Umzug mit Blasmusik durch den Ort. Die Männer trugen eine Tracht – die Jungen waren als Erzmännchen verkleidet.

Richtet sich die Ausstellung eher an Erwachsene oder Kinder?
An beide. Sie ist sehr einfach und zugänglich gehalten. Man kann Kinder dort sehr gut mitnehmen – sie wurde aber nicht explizit für Kinder konzipiert. Neben der Ausstellung wird im Frühsommer unser Podcast „Geschichte in Kinderschuhen – Aufwachsen im Donauraum“ unter anderem auf der Webseite des IKDE erscheinen. Für den Podcast sind wir unter anderem ans Donauschwäbische Zentralmuseum nach Ulm gereist. Wir haben mit Experten und Expertinnen über das Aufwachsen in der von Vielfalt geprägten Dobrudscha und Themen wie Erinnerungsprozesse in Familien, aber auch Kindheiten in der Deporation und die Jugendarbeit des Karpatendeutschen Vereins gesprochen. Online wird es noch vertiefende digitale Lernmaterialien zu verschiedenen Themen geben.

Die Ausstellung „Everyday Danube“ war bis 24. April in Osijek, Kroatien, zu sehen, von 15. April bis voraussichtlich 31. August ist sie in Bratislava, Slowakei, zu sehen, und von 9. Juni bis 30. Juli 2026 in Chisinau, Moldau. Sie wurde auf die Beine gestellt vom Freiburger Institut für Kulturanalyse der Deutschen des östlichen Europa (IKDE). Weitere Partner sind: Ethnologisches Institut der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, Brno, Tschechische Republik, ILEU e. V. – Institut für virtuelles und reales Lernen in der Erwachsenenbildung Ulm, Ulm, Deutschland, Institut für Ethnologie und Mitteleuropa- und Balkanstudien an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität Prag, Prag, Tschechische Republik, Museum von Slawonien, Osijek, Republik Kroatien, Nationalmuseum der Geschichte der Moldau – Museum für die Opfer von Deportationen und politischen Repressionen, Chisinau, Republik Moldau, Slowakisches Nationalmuseum – Museum der Kultur der Karpatendeutschen, Bratislava, Slowakische Republik. Das Projekt wird gefördert von der Baden-Württemberg Stiftung im Rahmen des Programms Perspektive Donau.

Isabella Hafner, Ulm

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